Das Ö1 Wissenschaftsjahr 2012
ÖkoScience
Globale Herausforderungen wie Klimawandel, Energiewende oder Verlust an Biodiversität lassen sich wissenschaftlich nur bewältigen, wenn auch wirtschaftliche, politische und soziale Aspekte dabei berücksichtigt werden. Der Forschung für nachhaltige Entwicklungen ist das "Ö1 Wissenschaftsjahr 2012" gewidmet.
8. April 2017, 21:58
ÖkoScience
Alles zum Ö1 Schwerpunkt
Zwanzig Jahre nach Rio
ÖkoScience ist eine neue Wortschöpfung. Unter diesem "Signal-Begriff" werden aktuelle Ansätze und Forschungsleistungen auf verschiedenen Gebieten und Disziplinen im Schwerpunkt der Ö1 Wissenschaftsredaktion zusammengefasst. Weniger eine akustische "Welt-Ausstellung" innovativer Öko-Forschung, als ein "Hearing", in dem zur Sprache kommt, was Wissenschaft für die Lösung globaler Umweltprobleme heute schon ausrichten kann und für die Zukunft verspricht.
Zwanzig Jahre nach dem ersten Umweltgipfel von Rio de Janeiro ist nicht nur eine Bilanz politischer Erfolge und Misserfolge zu ziehen. Wissenschaften bieten einen Schlüssel dafür, komplexe Veränderungen des globalen Ökosystems nachzuvollziehen. So können Folgen bewertet und Lösungen für Probleme entwickelt werden, die sich aus der besonderen Beziehung zwischen den Menschen und der von ihnen bewohnten Erde im 21. Jahrhundert ergeben.
Die brennende Frage der "nachhaltigen Energie für alle", der die Vereinten Nationen im Jahr 2012 einen internationalen Jahresschwerpunkt gewidmet haben, ist ein wichtiger Anknüpfungspunkt. Szenarien der nachhaltigen Energieversorgung beschäftigen nicht nur Politiker und Experten auf Umwelt- und Klimakonferenzen. Sie sind auch zu einem Fokus der Entwicklungspolitik, der internationalen Solidarität und der zivilgesellschaftlichen Verantwortung für einen vertretbaren "ökologischen Fußabdruck" geworden.
Fünfzig Jahre Ökologie-Bewegung
Vor fünfzig Jahren entwarf Rachel Carson mit ihrem Sachbuch-Klassiker "Der stumme Frühling" ein Szenario der von menschlichen Eingriffen bedrohten Natur. Es gilt heute als "Ouvertüre" der globalen Ökologiebewegung.
Die Kritik am rücksichtlosen Einsatz des Pestizids DDT, das die Natur zum Verstummen bringt, wurde zum Alarmsignal für den verbreiteten Raubbau am Boden und an den Wäldern. Die große Wirkung der anschaulichen Verbindung von Wissenschaft und Protest zeigte aber auch Defizite der institutionalisierten Wissenschaft. Sie erschien zu spezialisiert, um diese großen Themen umfassend in Angriff zu nehmen.
Es gibt keine Generallösung
Die Szenarien-Literatur boomt gegenwärtig, die visionäre Zeit scheint aber zu Ende zu sein. Eine endgültige Lösung für die großen Umweltprobleme der Erde ist nicht in Sicht. Weder Solartechnologie, noch Ökolandbau oder Klimaprotokolle bieten einen globalen "Generalschlüssel". Eine phantasievolle Kombination verschiedener Wege ist gefragt, die immer wieder experimentell überprüft werden muss. Nachhaltige Forschung kann nicht auf punktuelle Problembeseitigung setzen. Ohne die Berücksichtigung von Wirkungszusammenhängen, längeren Zeithorizonten, Spätfolgen und Ökobilanzen entfalten viele voreilig hochgejubelte "Patentlösungen" unerwünschte Nebenwirkungen.
Unter dem Titel ÖkoScience wird im "Ö1 Wissenschaftsjahr" deshalb nicht nur umweltrelevante Forschung präsentiert. Das Augenmerk liegt ebenso auf den Bedingungen und Grenzen, die "Sustainablility" ermöglichen oder verhindern. So steht auch zur Debatte, ob die politische Steuerung großangelegter Forschungs- und Technologieprogramme nachhaltig ist, oder Widersprüche in der Wissenschafts- und Wirtschaftsförderung die Probleme und damit auch die Kosten nur auf andere Gebiete verlagern.
"Wir sind zum Mond geflogen, haben die Tiefsee erforscht und kommunizieren in Echtzeit rund um den Erdball. Aber am Ende sind es nicht die Technologien, die unser Schicksal bestimmen, sondern unsere Überzeugungen", hat der Zoologe und Umweltschützer Tim Flannery festgestellt. ÖkoScience ist deshalb auch nicht auf die Naturwissenschaften beschränkt. Ob sich Destruktion oder Kooperation im Umgang mit der Natur durchsetzen werden, ist eine Frage, die verschiedene Disziplinen und "Wissenskulturen" betrifft. Kurzfristiges Denken und Spezialistentum helfen dabei nicht weiter.
Vier Elemente - und Nachhaltigkeit als "Quintessenz"
Die aus der griechischen Antike stammende Einteilung in die vier Grundelemente Feuer, Wasser, Luft und Erde zieht sich durch die vier Jahreszeiten des "Ö1 Wissenschaftsjahres 2012".
Ihnen werden die verschiedenen Aktionsfelder und Anwendungsgebiete der ÖkoScience zugeordnet. Ein Zusammenhang von Wissenschaft und Ökologie, der Lösungsansätze mit systemischer Reflexion verbindet.
Die Einteilung in diese "Programm-Elemente" bildet aber nicht nur einen anschaulichen Rahmen. Sie soll auch deutlich machen, wie ökologische Komplexität durch vielfältige Wechselwirkungen zwischen einer Vielzahl von Elementen entsteht. Nur in einer eindimensionalen Betrachtungsweise erscheint Wissenschaft als "Wunderland der Problemlösung", wenn es darum geht, die Erde für künftige Generationen zu bewahren.
ÖkoScience bedeutet, dass auch die Forschungen in diesem Spannungsfeld einer "Öko-Bilanz" zu unterziehen sind. Politische und wirtschaftliche Kräfte, gesellschaftliche Bedingungen, aber auch mediale Formen der Wissenschaftsvermittlung beeinflussen ihre Wirksamkeit im Sinne mehr oder weniger nachhaltiger Entwicklungen.
Das fünfte Element, die Quintessenz war für Aristoteles der Äther. Ein Element das die anderen Elemente durchdringt und dessen Kraft es vermag, unbelebten Gegenständen Leben einzuhauchen. Auch im Zusammenhang des "Ö1 Wissenschaftsjahres" ÖkoScience findet sich dieses "fünfte Element": Eine Denkweise, die unsere Welt als lebendiges System begreift, ökologisches Handeln inspiriert und Forschung als Schlüssel zur Nachhaltigkeit nützt.
Text: Martin Bernhofer, Leiter Ö1 Wissenschaftsredaktion
