Robert-Altman-Retro im Filmmuseum
Hollywoods Freiräume genützt
In den USA finden heuer Präsidentschaftswahlen statt. Das Wiener Filmmuseum hat dies zum Anlass genommen, zwei amerikanischen Regisseuren, die in ihren Werken ein ganz eigenes USA-Bild vermitteln, eine gemeinsame Schau zu widmen: Zum einen dem Komödienregisseur Preston Sturges, zum anderen dem 2006 verstorbenen Filmemacher Robert Altman.
8. April 2017, 21:58
Wie kaum ein anderer Regisseur hat sich Altman in seinen Filmen mit der amerikanischen Gesellschaft auseinandergesetzt. Von den großen Mythen bis hin zum Alltag einer vor sich hinlebenden Mittelschicht. Die Schau im Filmmuseum konzentriert sich dabei vor allem auf eine extrem dichte Schaffensperiode in den 1970er Jahren, ergänzt durch ausgewählte Filme aus dem Spätwerk des Regisseurs.
Zeit der Verunsicherung
Die 1970er Jahre waren in den USA zwischen Vietnamkrieg und Watergate eine Zeit der Verunsicherung. Und zugleich herrschte auch in der Traumfabrik eine gewisse Orientierungslosigkeit - im New Hollywood, wo sich plötzlich im Grabenkrieg der Produzenten ungeahnte Freiräume auftaten. Freiräume, die Robert Altman nutzte, um in seinen Filmen amerikanische Mythen und Stoffe, klassische Hollywood-Sujets fast zynisch zu dekonstruieren.
Der Kriegsfilm wird in "Mash" zur makabren Lazarettstudie: zwischen Amputationen und Blutrausch - Zigarren und Martini. In "Nashville" verschwimmen dann Politdrama und Musical, und der Western wird bei Altmann zur kapitalistischen Showbühne. Eine vielfältige Themenlandschaft, deren gemeinsamer Nenner Altmans Herangehensweise sei, so Alexander Horvath, Direktor des Wiener Filmmuseums.
Der Film als Labyrinth
Altman inszeniert Chaos - das Durcheinander von Massenszenen, die dann in ihren Einzelteilen wieder seziert werden. Er schichtet Dialoge, gleitet mit der Kamera über Gesichter und vor sich hin redende Gestalten, die längst schon wieder aus dem Bild verschwunden sind, während sie noch sprechen.
Und noch ein zweites Altman-Markenzeichen etabliert sich in diesen Jahre, das dann im Drei-Stunden-Epos "Short Cuts" 1993 von Altman auf die Spitze getrieben wird: Der Film als ein Labyrinth aus Geschichten, aufgesplitterte Handlungsstränge die am Ende fast magisch, und doch wie selbstverständlich zusammenlaufen.
Was heute längst ein gängiges Stilmittel ist - man denke an Paul Haggis "L.A. Crash" oder Barbara Alberts "Böse Zellen", an Paul Thomas Andersons "Magnolia" oder die Filme Inarritus - damals war es eine Zertrümmerung klassischer Erzählstrukturen.
Abschied mit Abschied
Der amerikanische Traum wird von Altman in seiner Realisierbarkeit an die Wand gefahren, um ihn dann in seinen Bruchstücken doch wieder hochleben zu lassen. Die Masse wird zum Protagonisten. Die amerikanische Gesellschaft zum vielschichtigen Konstrukt.
"Wenn ich seit 9/11 die amerikanische Fahne sehe, muss ich kotzen", soll Altman einmal gesagt haben - angewidert von nationaler Aufgeblähtheit im Krieg gegen den Terror. Es ist ein ambivalentes USA-Bild, das Altman auch in seinen Filmen transportiert. Eines, das die ewigen Mythen hochleben lässt, um sich dann an ihnen abzuarbeiten. Ein Bild, so Alexander Horvath, das dabei mit seinen Themen aber oft näher an der Realität sei, als jenes, das etwa in US-Wahlkämpfen kreiert werde.
Mit einem Film über den Abschied verabschiedete sich Robert Altman 2006 vom Kino: "A Prairie Home Companion". Ein Film über eine Live-Radioshow, die nach 30 Jahren abgesetzt wird - Bühne und Backstage-Bereich als Mikrokosmos. Noch einmal ein Gewirr aus Dialogen, organisiertes Chaos und die Lust am Beobachten.
Service
Filmmuseum - Sturges, Altman, Amerika
