Wie reagiert die Kunst auf die Krise?

Kunst als Form des Protests - diesem Thema widmet sich eine Ausstellung, die noch bis 22. April 2012 im Austrian Cultural Forum in New York zu sehen ist. "It's the political economy, stupid" lautet der Titel der Schau. Gezeigt werden künstlerische Positionen, die sich mit der Wirtschafts- und Finanzkrise auseinandersetzen.

"It's the political economy, stupid" eröffnet das Jubiläumsjahr 2012, das heuer im Austrian Cultural Forum New York begangen wird. Vor zehn Jahren, genauer im April 2002, öffnete das von Architekt Raimund Abraham entworfene Hochhaus in Midtown Manhattan, in dem das Austrian Cultural Forum untergebracht ist, seine Pforten.

Kulturjournal, 06.02.2012

Ein junger Mann steht vor der berühmten klassizistischen Fassade der New Yorker Börse und verbrennt Dollarscheine. Zwischendurch fordert er Passanten dazu auf, es ihm gleich zu tun. Die reagieren amüsiert bis aggressiv, wie sich der US-amerikanische Performer Dread Scott erinnert:

"Die Reaktionen waren sehr gemischt. Touristen und Passanten, die zufällig vorbeigekommen sind, haben durchaus positiv reagiert. Die Reaktionen der Börsenmakler rangierten zwischen Unglaube und Zorn. Einer von ihnen sagte sogar: Dieser Typ verbrennt Geld! Man sollte ihn verhaften! Für ihn wäre es völlig in Ordnung, 1000 Dollar für einen Lunch hinauszuwerfen, aber eine Performance zu machen, die das wirtschaftliche System infrage stellt, das war für ihn etwas, was man nicht tun sollte."

Im Juni 2010, also mehr als ein Jahr bevor Occupy-Wall-Street-Aktivisten im vergangenen September auszogen, um ins Herz des New Yorker Finanzdistrikts vorzudringen, wollte Dread Scott mit seiner Performance auf die sogenannten Fehler im wirtschaftlichen System hinweisen, indem er dazu aufrief, vor der Börse Geld zu verbrennen. Eine Aktion so plakativ, wie eindrücklich.

Money to Burn!

Die Dokumentation von Dread Scotts Performance ist eine jener Arbeiten, die in der aktuellen Ausstellung im Austrian Cultural Forum New York zu sehen ist - eine Schau, die nicht zuletzt deutlich macht, dass Künstler und Künstlerinnen mit aktionistisch-performativen Ansätzen vorweggenommen haben, was dieser Tage unter dem Schlagwort "neue Protestkultur" medial die Runde macht. Denn - und das ist durchaus bemerkenswert - so gut wie alle gezeigten Arbeiten sind vor Occupy-Wall-Street entstanden und wirken doch fast wie ein Kommentar auf die Welle der Empörung, die von New York ausgehend bis nach Europa schwappte.

Zweieinhalb Jahre hat das österreichisch-amerikanische Kuratoren-Duo Oliver Ressler und Gregory Sholette künstlerische Positionen zusammengesucht, die sich mit der Finanzkrise befassen. Herausgekommen ist eine Schau mit einem klaren Schwerpunkt auf Videoarbeiten.

Viele Künstler, sagt Kurator Gregory Sholette, die sich mit dem Finanz- und Wirtschaftssystem auseinandersetzen, arbeiten mit Video, weil es ein geeignetes Medium sei, um die äußerst komplexen Zusammenhänge, um die es gehe, adäquat darzustellen. Darunter zum Beispiel, die kanadische Künstlerin Melanie Gilligan, die ihre Kritik der Finanzwirtschaft in die Form eines britischen TV-Dramas gegossen hat. Inklusive Plot und einschlägiger Fernseh-Bildästhetik.

Krisenbewältigung im TV-Drama

"Als ich mit meiner Arbeit begonnen habe, ist mir klar geworden, dass ich den Menschen etwas über das Finanzsystem erzählen will", sagt Melanie Gilligan. "Ich wollte die Risiken dieses Finanzsystems wirklich im Detail vermitteln. In einer Dokumentation präsentiert man Fakten auf einer sachlichen Ebene. Das beeinflusst natürlich auch die Art und Weise, wie die Zuseher diese Fakten rezipieren und verarbeiten. Ich wollte, dass die Zuseher auch emotional auf das Thema reagieren - genauso wie wenn sie einen Spielfilm sehen", so Melanie Gilligan, deren vierteiliges TV-Drama "Crisis in the Credit" 2008, genau zwei Wochen nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers, veröffentlicht wurde. Eine Arbeit, die nicht zuletzt aufgrund ihres fast prophetischen Weitblicks im Internet schnell eine große Fangemeinde fand. Als Prophetin sieht sich die Künstlerin selbst freilich nicht, denn jeder hätte wissen können, dass diese Finanzkrise bevorsteht, sagt Melanie Gilligan.

Andere Künstler, deren Arbeiten in der aktuellen Ausstellung im Austrian Cultural Forum New York zu sehen sind, treten in Dialog mit jenen, deren Glaube an das Finanzsystem unerschütterlich zu sein scheint: Das Künstlerduo Olga Kopenkina und Alexandra Lerman etwa organisierte einen Lesekreis mit Wall-Street-Bankern, in dem Texte von Lenin diskutiert wurden, das spanische Kollektiv Flo6+8 nimmt regelmäßig die Kassenräumen von Banken in Beschlag, um dort spontanen Flamenco-Aufführungen zu inszenieren. Eine Guerillataktik, die im krisengeschüttelten Spanien nicht nur für viel Aufmerksamkeit, sondern wohl auch für Momente der Irritation gesorgt hat.

Die Ausstellung "It's the political economy, stupid" zeigt künstlerische Positionen, die auf die globale Wirtschaftskrise reagieren. Die Schau ist bis 22. April 2012 im Austrian Cultural Forum in New York zu sehen.