Das vierzigste Jahr

Andere feiern mit 40 vielleicht ein rauschendes Fest. Die aus St. Petersburg stammende Künstlerin Anna Jermolaewa begann sich zu erinnern: Angeregt durch ein Foto in einem sozialen Netzwerk, machte sie sich auf die Suche nach ihren ehemaligen Mitschülern und Mitschülerinnen.

Entstanden ist das Kunstprojekt "Das vierzigste Jahr", zu sehen ab Mittwoch, 8. Februar 2012 im Salzburger Kunstverein.

Kulturjournal, 08.02.2012

Ein Gewirr von Stimmen und Geräuschen bestimmt den großen Ausstellungsraum: Vier Videos laufen gleichzeitig, in denen Frauen in Gesprächen mit der Künstlerin zu sehen sind. In einer Ecke: ein kleines Foto von fünf jungen Frauen und einem jungen Mann - die Klasse von Anna Jermolaewa, aufgenommen 1986 an einem Kunstgymnasium im damaligen Leningrad.

Als sie 40 wurde, hat sich Anna Jermolaewa aufgemacht, die ehemaligen Mitschüler/innen zu besuchen und nach ihrem Leben zu befragen. Zwei von ihnen leben noch in Russland, vier sind ausgewandert, bis nach Kanada.

In den Gesprächen geht's um Kindererziehung und Krankheiten, um Männer und Alkohol. Der einzige Mann der Gruppe wollte kein Video von sich machen lassen, er lebt heute als Straßenmaler. Für das Projekt hat er Bilder der Gruppe gemacht, gemalt nach Fotos, die die Künstlerin ihm geschickt hat.

Als Putzfrau in Wien

Geboren wurde Anna Jermolaewa 1970 im damaligen Leningrad, bereits während ihrer Schulzeit hat sie sich in der Dissidentenszene engagiert, 1989 ist sie nach Wien geflüchtet und hat hier studiert. Autobiografische Bezüge finden sich häufig in ihrem Werk, in Wien zu sehen ist zum Beispiel ein Fotoprojekt über Putzfrauen - auch die Künstlerin hat sich eine Weile mit Putzen über Wasser gehalten.

Sie hat auch Videos über ihre polnische Fluchthelferin gemacht und über ihre Versuche, auf den Bänken am Westbahnhof zu schlafen. Was diesen Arbeiten gemeinsam ist: die Lust am Erzählen und eine gewisse realistische Grundhaltung, obwohl sie sich mit Abscheu daran erinnert, dass in der Schulzeit alle dem sozialistischen Realismus verpflichtet sein mussten.

Anna Jermolaewa sprudelt und springt von einem Thema zum nächsten. Den ernsten politischen Aspekt verschleiert sie damit nicht: Auswanderung sei in Russland die Regel, ihre Schulklasse keine Ausnahme. Fast alle ihre Schulkolleginnen seien ausgewandert, sie selbst sei geflüchtet, weil ich in Russland politisch aktiv war, so Jermolaewa.

Dem gegenüber steht die innige Liebe zu St. Peterburg, die Heimatstadt wird mit einem kleinen Video in der Ausstellung geehrt.

Unterstützung für die russische Protestbewegung

Die politischen Entwicklungen in ihrer Heimat verfolgt Anna Jermolaewa auch heute noch. Sie freut sich, dass sich Widerstand gegen Putin regt und hat unlängst einige Arbeiten zu besonders günstigen Preisen aufgelegt; der Erlös ging an die Protestbewegung. Wäre es vielleicht besser, Politikerin und nicht Künstlerin zu sein? Ein "Hofnarr" könne sich einiges leisten, was Politiker nicht können, antwortet sie. Ein Künstler könne ehrlicher und direkter sein.

Sie habe auch eine Galerie in Russland und könne dort ausstellen, "Das 40. Jahr" allerdings, das könne man in ihrer Heimat nicht präsentieren.

Textfassung: Ruth Halle

Service

Anna Jermolaewa
Salzburger Kunstverein - Anna Jermolaewa