Die Ökonomie von Gut und Böse

"Die Ökonomie von Gut und Böse" heißt das neue Buch von Tomás Sedlácek, den die renommierte Yale Economic Review als einen von "5 Hot Minds in Economics" bezeichnet hat. Sedlacek, ehemaliger Berater des tschechischen Präsidenten Václav Havel, zeichnet nach, wie tief seiner Ansicht nach die Ökonomie in der Kultur verwurzelt ist.

Außerdem behauptet er, in der Wirtschaft ginge es letztendlich um Gut und Böse. Indem er die Grenzen dieses Fachbereichs überschreitet, erschüttert er den gängigen Begriff von Wirtschaft. Zugleich erweitert er die Perspektive, die Entwicklungen des 21. Jahrhunderts zu verstehen.

Die Spitze des Eisbergs

"Ökonomie gilt als eine wertefreie Wissenschaft", so Tomas Sedlacek im Gespräch. "Aber der Schein trügt: Wir sehen nur die Spitze eines Eisbergs, dessen größter Teil unsichtbar unter Wasser ist - und das sind all die Werte, Philosophie, Ethik, Moral, über die wir nicht sprechen."

Tomas Sedlacek, Jahrgang 1977, Dozent an der Karls-Universität in Prag, Chefökonom der größten tschechischen Bank und Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrats, will in seinem Buch die verborgene Seite dieses Eisbergs ans Licht bringen. Auf seiner Spurensuche geht er zurück bis zum Gilgamesch-Epos, forscht in der Mythologie und der Bibel, bei Aristoteles ebenso wie bei Descartes, Adam Smith und in der modernen Populärkultur.

Belohnung erst im Himmelreich

Zahlt es sich aus, Gutes zu tun? Ist Eigennützigkeit angeboren? Hat Eigennützigkeit sogar das allgemeine Wohl zur Folge? Ist der Mensch im Kern gut oder böse? Diese Fragen waren schon im Alten Testament von immenser Bedeutung.

"Die alten Hebräer kannten das Konzept eines Himmelreichs im Jenseits nicht, so musste Gerechtigkeit zu Lebzeiten auf der Erde stattfinden", sagt Sedlacek. "Das Christentum hat das sozusagen annulliert mit der guten Nachricht 'Gesegnet sei der, dessen Sünden nicht zählen'."

"Die Frucht" konsumieren

Tomas Sedlaceks Buch verkaufte sich in seiner Heimat Tschechien in kürzester Zeit mehr als 60.000 Mal und wurde unter anderem bei der Oxford University Press ein internationaler Bestseller. Auch die Erbsünde im Alten Testament interpretiert Sedlacek darin aus der Sicht des Wirtschaftswissenschaftlers:

"Die Erbsünde ist im Mittelalter oft sexuell interpretiert worden. Im Alten Testament findet sich aber kein Wort über Sex. Stattdessen wird mehrfach erwähnt, dass Adam und Eva 'die Frucht konsumierten'. Wir Ökonomen nennen das 'Überkonsum': Sie haben die Frucht nicht konsumiert, weil sie hungrig waren, sondern Lust darauf hatten. Und dasselbe gilt für den ersten materiellen Besitz in der Menschheitsgeschichte: Das ist das Tuch, mit dem Adam und Eva dann ihre Nacktheit verbargen. Sie taten dies wieder nicht aus Notwendigkeit, weil sie froren, sondern aus Scham. Der äußere Besitz ist ein Zeichen für ein inneres Ungleichgewicht."

Unsere Konsumgesellschaft, so der Autor, könne man lesen als den Versuch, sich als Ersatz für die verlorene Harmonie einen säkularen "Himmel auf Erden" zu erschaffen. Und dies um jeden Preis - wenn nötig auch durch Schulden.

Nie mehr genug haben

Schulden und Schuld? Die Ähnlichkeit der beiden Begriffe ist kein Zufall. In allen Sprachen des Neuen Testaments, betont der Autor, wie auch im Lateinischen sei das Wort "Schuld" ein Synonym für "Sünde". Sind unsere Schulden heute also quasi unsere moderne Art des Sündenfalls?

"In dem Film und dem Buch 'Fight Club' sagt jemand: "Wir gehen zur Arbeit, die wir hassen, um uns Dinge zu kaufen, die wir nicht brauchen.' Ich füge noch hinzu: 'mit Geld, das wir nicht haben'. Ich halte das für die gelungenste Umschreibung für den Fluch, mit dem Adam and Eva von Gott bestraft wurden: 'Ihr müsst produzieren, um zu konsumieren - und konsumieren, um zu produzieren. Da euch das, was ich euch im Garten Eden gegeben habe, nicht genug war, soll euch nichts mehr genug sein.' Der Fluch auf Eva ist - wieder in der Sprache der Ökonomie - der Fluch der Nachfrage: Sei niemals zufrieden mit dem, was du hast. Und der Fluch Adams ist der des Angebots: 'Arbeitet im Schweiß eures Angesichts, aber ihr werdet die immer neuen Wünsche nie stillen.'"

In den Augen von Tomas Sedlacek ist die aktuelle Krise daher auch keine Krise des Kapitalismus' und des Konsums, sondern eine Krise des Wachstumskapitalismus' und des Überkonsums. Die vermeintlichen Mittel zur Lösung unserer Probleme haben eine gefährliche Eigendynamik entwickelt. Tomas Sedlacek entdeckt eine Parallele dazu in Tolkiens Trilogie "Herr der Ringe":

"Die wesentliche Frage aus Sicht des Ökonomen ist hier: Wer ist der Herr der Ringe? Wer ist der CEO, der Geschäftsführer? Es ist definitiv nicht Mordor. Mordor hat den Ring erschaffen, besitzt ihn aber nicht. Wer also ist der CEO der Ringe? Es ist nicht Gollum. Gollum ist ein Sklave des Rings. Und keiner der großen Zauberer hat je den Ring angefasst aus Angst, sie könnten auch zu seinem Sklaven werden. Die richtige Antwort also ist: Der Ring ist sein eigener Herr. Er ist zwar einmal geschaffen worden, um kontrolliert zu werden, ist aber zum Sklavenmeister geworden. Das genau ist mit unseren Schulden passiert? Wir dachten, wir könnten sie kontrollieren, aber nun kontrollieren sie uns."

Neue Horizonte der Begierden

Gleichzeitig, meint Tomas Sedlacek, wüssten wir alle oder ahnten es zumindest, dass Wirtschaftswachstum nicht automatisch Harmonie, Frieden und glückliche zwischenmenschliche Beziehungen schafft. Doch dem Gott der Produktivität hätten wir alle anderen Werte untergeordnet.

"Deswegen haben wir auf die aktuelle Krise mit beinahe religiöser Enttäuschung reagiert", so Sedlacek. "Wie konnten die Götter des Wachstumskapitalismus' sich von uns abwenden? Und was müssen wir opfern, wie unsere Budgets beschneiden, damit sie uns wieder ihre Gunst erweisen? Unser Ziel ist eben nicht die Befriedigung unserer Wünsche: Wir wollen bessere und neue Wünsche. Unsere Begierde ist also ein Schritt - nicht hin zur Erfüllung, sondern hin zu neuen Horizonten von Begierden. So scheint die menschliche Psyche zu funktionieren." Andererseits ist Unzufriedenheit der Motor der Ökonomie. Wie den Zwiespalt lösen?

Fette und magere Kühe

Tomas Sedlacek wird fündig im Alten Testament bei dem Gleichnis von den sieben fetten und den sieben mageren Kühen. Übersetzt in moderne Sprache: Sparen in finanziell guten Jahren, um für schlechte Zeiten gewappnet zu sein. Da wir dies aber versäumt hätten, so der Autor, könnten wir zumindest aus der aktuellen Krise lernen - und Griechenland dafür dankbar sein:

"Griechenland hinkt uns nicht hinterher: Griechenland ist uns voraus - 20 Jahre voraus dem Bankrott anderer Länder, der unweigerlich kommen wird, sollten wir unser Verhalten nicht ändern. Wir haben die säkulare Fürsorge für das ewige Leben im Jenseits verloren. Wir werden nicht mehr begrenzt von der Natur, wir werden nicht mehr begrenzt von Göttern - wir müssen uns selbst begrenzen."

Dies sei die schwierigste aller schwierigen Aufgaben, räumt der Autor ein. Sie hätte aber auch ihre genüssliche Seite. Denn gefragt sei vor allem eine Entschleunigung unseres Alltags. Ein gutes Beispiel dafür finde man ganz in der Nähe der Wall Street.

"New York City ist eine äußerst effiziente und hart arbeitende Stadt", meint Sedlacek. "Und doch gibt es mitten in der Stadt einen Park, den Central Park. Er ist uneffektiv, dort passiert nichts wirklich Produktives. Ökonomisch betrachtet ein heiliger Ort."

Die "Schabbat-Ökonomie"

Tomas Sedlacek liefert eine überwältigende Fülle an Lesestoff. Sein Buch bietet nicht nur Nichtökonomen einen faszinierend anderen Zugang zur Wirtschaft, es ist zugleich auch Nachhilfe in Kulturgeschichte. Allerdings vernachlässigt der Autor die großen Unterschiede zwischen der katholischen und der protestantischen Arbeitsethik. Tomas Sedlacek postuliert stattdessen die Wiederbesinnung auf unsere Arbeit als Berufung, wie sie schon im Alten Testament definiert sei. Und eine "Schabbat-Ökonomie": eine säkulare Version des Gottesgebots "Du sollst den Feiertag heiligen". Eine Art Reset wie bei einem Computer.

"Die Sonntage sollen uns jede Woche daran erinnern, dass wir nicht Menschen sind, weil wir arbeiten, und dass Ruhepausen nicht dazu da sind, damit wir am nächsten Tag umso besser und mehr arbeiten können", sagt Sedlacek. "Gott hat am siebten Tag auch nicht geruht, weil er danach noch ein zweites Universum erschaffen musste. Die Botschaft des Sonntags oder des Schabbats ist vielmehr: Wir können sechs Tage lang produktiv und unzufrieden sein, aber an einem Tag sollen wir auf das blicken, was wir geschafft haben, und sagen: Es ist gut."

Service

Tomas Sedlacek, "Die Ökonomie von Gut und Böse", Hanser Verlag

Hanser - Die Ökonomie von Gut und Böse