Perspektive Leerstand

Vom Aussterben der Einkaufsstraßen ist immer wieder zu hören, von Belebungs- und Aufwertungsstrategien. Der Grund: Immer mehr Wohnungen, Gewerbe- und Industrieflächen stehen leer. Die IG Kultur hat nun eine Studie in Auftrag gegeben, die sich unter dem Titel "Perspektive Leerstand" mit dem Thema auseinandersetzt.

Ressourcen, Potenziale und Risiken des Leerstands sollen aufgezeigt, zugleich stadtplanerische Impulse gesetzt werden. Denn konträr zum Leerstand im städtischen Raum, gibt es zahlreiche Gruppen - von sozialen, bis hin zu künstlerischen Initiativen -, die auf Räume angewiesen wären, sich diese aber aufgrund steigender Mietpreise und sich verschärfenden ökonomischen Verhältnissen nur schwer oder überhaupt nicht leisten können. Der erste Teil der Studie liegt seit kurzem vor.

Kulturjournal, 12.04.2012

Dem Verfall preisgegeben

Etwa 60- bis 80.000 Wohnungen stehen nach Schätzungen in Wien derzeit leer. Dazu kommen unzählige Industrieflächen und Geschäftslokale, die ungenutzt sind. Die Ursachen für den Leerstand sind dabei vielfältig: Sie hängen bei Industrie- und Gewerbeflächen meist mit veränderten Nutzungsansprüchen - etwa in der Veränderung der Einzelhandelsstruktur oder mit gesellschaftlichen Entwicklungen - zusammen. Aber auch Eigentümerfragen seien häufig Grund für die Nichtnutzung vorhandener Flächen, so Wencke Hertzsch, wissenschaftliche Leiterin der Studie.

Zuletzt sorgte in Wien das Malastrana Theater am Mittersteig für Aufsehen. Einst Bordell, Kino, Boxring und Theater, steht der Saal im Besitz einer Immobilienfirma seit mehr als zehn Jahren leer. Als heuer das Gerücht um den Einzug eines Supermarkts die Runde machte, mobilisierten sich Bürgerinitiativen. Verschiedene Vorschläge zur langfristigen oder temporären Nutzung wurden ausgearbeitet. Die Zukunft des leerstehenden Hauses ist aber weiter offen. Für Willy Hejda, Projektorganisator seitens der IG Kultur, ist das beispielhaft. Doch während es sich hier um ein Gebäude in privatem Besitz handelt, was die Situation aufgrund Eigentümerfragen verkompliziert, gäbe es auch genügend leerstehende Häuser in Wien, die der Stadt gehören, so Hejda.

"Beglückungsstrategie "

In Wien gibt es genügend Beispiele, wo sich ein gewisser politischer Kontrollverlust auf lange Sicht als Glücksfall erwiesen hat. Die Rede ist von Initiativen im Zusammenhang mit Hausbesetzungen, die ab den 1970er Jahren zu zahlreichen Kunst- und Kulturinitiativen geführt haben, die heute zu den zentralen Spielorten Wiens abseits der institutionalisierten Kultureinrichtungen gehören, wie die Arena oder das WUK, aber auch kleineren Locations wie dem Fluc, das als Startschuss für die inzwischen ausgeweitete Clubszene am sonst kulturell ereignisarmen Praterstern gesehen werden kann.

Dass viele dieser Einrichtungen über die Jahre selbst institutionalisiert oder in Vereinsstrukturen übergeführt worden sind, kann dabei durchaus als zwiespältiges Taktieren der Stadt gesehen werden, das Dieter Schrage einst als Politik mit "Zuckerbrot und Peitsche", oder auch als sozialdemokratische Beglückungsstrategie bezeichnet hat.

Die am 11. April 2012 im Wien Museum eröffnete Ausstellung wirft einen Blick auf die abwechslungsreiche Geschichte der Hausbestzungen in Wien. Dabei habe sie neben der historischen Kontinuität in den Forderungen der Aktivisten - gegen Leerstand und für Freiraum - vor allem auch die steigende Zahl der Hausbesetzungen in den letzten zehn Jahren überrascht, so Kuratorin Martina Nußbaumer, was vor allem auch mit der zunehmenden Vernetzung unterschiedlicher Initiativen zusammenhänge.

Mangel an Plätzen für temporäre Nutzung

Schon 1981 kritisierte die Arbeiterkammer in einer Studie, dass es in Wien an Freiräumen in jeglicher Hinsicht mangle. Und auch die im Jahr 2003 erstellte Studie "Urban Catalyst - Strategien für temporäre Nutzung" attestierte der Stadt Wien einen historischen Mangel an frei liegenden Flächen und Spielräumen, die für die Entstehung neuer Kulturen und kreativer Netzwerke zentral wären. Eine Absurdität, angesichts der hohen Zahl an leerstehenden Flächen. Immerhin sieht das rot-grüne Regierungsabkommen aus dem Jahr 2010 eine Zwischennutzungsagentur für leerstehende Gebäude und Brachflächen vor. Viel habe sich seither aber nicht getan, so Willy Hejda von der IG Kultur.

Vorschläge werden ausgearbeitet

Im zweiten Teil der Studie "Perspektive Leerstand" sollen dann auch konkrete Vorschläge für mögliche Arbeitsansätze dieser Zwischennutzungsagentur erarbeitet werden, die Erwartungshaltungen verschiedener Akteure ausgelotet und anhand von Modellbeispielen aus anderen Städten - wo etwa aufgrund der gesetzlichen Rahmenbedingungen leerstehender Raum nach einer gewissen Zeit zugänglich gemacht werden kann - Vorschläge für Wien ausgearbeitet werden.

Dabei müsse der Fokus von kreativen und künstlerischen Initiativen auch auf soziale und migrantische ausgeweitet werden, so Wencke Herztsch, nicht nur über temporäre, sondern auch langfristige Nutzungen diskutiert werden. Und zentral sei natürlich die Vermittlung von Räumen, die Vernetzung der verschiedenen Akteure, wie auch die Vernetzung innerhalb der Politik, so Hertzsch.

Mag die Umsetzung derzeit noch kompliziert erscheinen, lassen sich die Forderungen und Wünsche an die Politik recht einfach zusammenzufassen: Freiräume müssen ermöglicht werden, auch unabhängig von ökonomischen Erwartungshaltungen. Und wenn das nun einigermaßen vertraut klingt: Ähnliches stand auch schon auf den Plakaten der Arenabewegung, damals, im Sommer 1976.

Textfassung: Ruth Halle

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IG Kultur - Perspektive Leerstand