Für den Rest des Lebens

Mit ihrem Roman "Liebesleben" wurde Zeruya Shalev vor gut zehn Jahren international bekannt, es war der Auftakt zu einer "Trilogie über die moderne Liebe", drei Bücher, die in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt wurden.

Kurz bevor der letzte Band herauskam, wurde Shalev 2004 in Jerusalem bei einem Selbstmordattentat schwer verletzt und konnte lange nicht arbeiten. Jetzt ist ein neuer Roman von Zeruya Shalev erschienen: "Für den Rest des Lebens". Am Montag, 23. April 2012, hat sie das Buch in Wien präsentiert.

"Ein palästinensischer Selbstmordattentäter hat heute Früh bei einem Anschlag auf einen Bus in der Nähe des Amtssitzes von Israels Ministerpräsident Ariel Sharon zehn Menschen mit in den Tod gerissen, weitere 50 wurden verletzt, davon 13 schwer", meldeten die Agenturen am 29. Jänner 2004. Eine der Schwerverletzten war Zeruya Shalev.

"Es war ein langer Prozess der Genesung", so Shalev. "Nach dem Anschlag habe ich aufgehört zu schreiben. Es war nicht nur wegen des Traumas, die Worte erschienen mir nicht mehr so bedeutsam und es ist schwer, literarisch zu arbeiten, wenn du nicht an Worte glaubst."

"Israel in seiner ganzen Komplexität"

Sieben Jahren später ist Zeruya Shalevs erster Roman nach dem Attentat erschienen - ihr bisher politischstes Buch. Erzählt wird die Geschichte von drei Menschen, die ihr Leben ändern wollen: Eine kranke alte Frau, ihr Sohn, ein Menschenrechtsanwalt auf der Suche nach der großen Liebe, und Dina, ihre Tochter, wild entschlossen ein Kind zu adoptieren - drei Menschen in Israel.

"Der neue Roman handelt von Israel in seiner ganzen Komplexität", sagt Shalev. "Durch die alte Dame war ich gezwungen, die Geschichte der Kibbuz-Bewegung zu erzählen und der Menschenrechts-Anwalt hat mich veranlasst, die politisch-soziale Situation zu beschreiben. Ich wollte gleich mehrere Fenster aufmachen, den Blick auf die israelische Realität richten und auf die israelische Geschichte. Vor allem aber ist es ein Buch über Korrekturen."

Für den Rest des Lebens, wie das Buch auch heißt, etwas besser, etwas Neues, etwas Anderes zu machen: Diese Erfahrung hat Zeruya Shalev ihren Helden voraus. Wie Dana, so hat auch sie sich entschlossen, ein Kind zu adoptieren. "Angesichts des Todes, nach dem Attentat, hatte ich das Bedürfnis, etwas Positives zu tun", erinnert sich Shalev. "Ich lag mit Schmerzen im Bett und hatte diese Phantasie, mich um ein Kind zu kümmern, das keine Eltern hat."

Die Bombe im Hinterkopf

Seit 2009 lebt ihr Sohn, ein russisches Waisenkind, mit der Familie von Zeruya Shalev in Jerusalem. Das tägliche Leben, sagt sie, sei heute viel leichter, nachdem es seit geraumer Zeit kaum mehr Terroranschläge gegeben hat: "Man kann draußen sitzen im Café, man muss keine Angst mehr haben vor Menschenmengen. Aber auf der anderen Seite gibt es diese existenzielle Angst vor der Bombe aus dem Iran. Es ist keine tägliche Angst, aber im Hinterkopf ist immer diese Frage. Was wird passieren? Werden wir überleben? Und: Wird es überhaupt passieren und wann?"

In die allgemeine Aufregung, die das Israel-kritische Gedicht von Günter Grass nach sich gezogen hat, will Zeruya Shalev nicht einstimmen, und sie will auch nicht dem jüngsten Aufruf israelischer Autoren folgen, die vom internationalen PEN eine Verurteilung des Literaturnobelpreisträgers fordern: "Ich bin betrübt über dieses Gedicht, aber er hat ein Recht, seine Gefühle auszudrücken. Die Reaktionen sind total überzogen. Günter Grass ist ein großer Autor und dieses Gedicht ist eben ein Fehler. Er versteht die Situation nicht und ich würde ihn gern treffen und ihm die Lage erklären. Wenn ich eine halbe Stunde mit ihm sprechen würde - ich glaube, er würde seine Meinung ändern."

Service

Zeruya Shalev, "Für den Rest des Lebens", Mirjam Pressler hat den Roman übersetzt, erschienen ist er im Berlin Verlag.