Obdachlos in Koltès "Nacht"

1989 ist der französische Dramatiker Bernard Marie Koltès mit 41 Jahren an den Folgen von Aids gestorben. Er war der Autor der Außenseiter und Strichjungen, der Huren, der gesellschaftlich Diskriminierten und illegalen Einwanderer. Regisseur Patrice Chéreau hat ihn entdeckt und gefördert.

Seinen Durchbruch erlebte Koltès 1976 mit dem beim Festival uraufgeführten Monolog "Die Nacht kurz vor den Wäldern". Dieses Stück hat nun die Wiener Formation "Wenn es soweit ist" mitten in den städtischen Raum gesetzt und in Zusammenarbeit mit der VinziRast, der Obdachloseninstitution von Cecily Corti, zur Premiere gebracht.

"Wenn es soweit ist" sind Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf, die für ihr interessantes Theater-Projekt "Ganymed Boarding" im Kunsthistorischen Museum einen Nestroy-Preis bekommen haben und zuletzt mit dem Migrantenprojekt "Die Reise" am Wiener Volkstheater einen großen Erfolg gefeiert haben. Premiere von "Die Nacht" war am Donnerstag, 26. April 2012, am Piaristenplatz in der Wiener Josefstadt.

Kulturjournal, 27.04.2012

Der Platz als Bühne

Großer Applaus in einer kleinen Box nach einem intensiven, 70-minütigen Monolog des Schauspielers Peter Wolf. So nahe kommt man einem Obdachlosen selten, einem Menschen, der zwischen Scham und Wut wechselt, einem Menschen, der sich nach einem Bett oder einem Stück Wiese sehnt, auf dem er sich endlich ausruhen kann.

Am Schluss liegt er zerschmettert da vor dem Publikum, das in der Publikumsbox sitzt, während der ganze Platz draußen mitspielt - allerdings konträr zu der Vorlage von Bernard Marie Koltès' Stück "Die Nacht kurz vor den Wäldern". Denn ist es dort eine unwirtliche Gegend in einer regnerischen Nacht zwischen Metrostationen und Brücken in Paris, wirkte der Piaristen-Platz in der Wiener Josefstadt mit seinem barocken Flair fast sommerlich italienisch mit seinen Schanigärten, den spielenden Kindern und den vorübergehenden Passanten, die nicht genau wissen, warum dieser verloren wirkende Mann auf das Publikum in der Box unablässig einredet.

Die Welt eines Ausgestoßenen

Gerade ob der fast konträren äußeren Umstände wirkte das Spiel von Peter Wolf umso nachdrücklicher, denn er schafft es, uns in die Welt eines Ausgestoßenen, Unbehausten mitzunehmen.

Geschickt geht Regisseurin Jacqueline Kornmüller mit den Brechungen zwischen Innenraum und Außenraum, zwischen Platz und Box, zwischen Theater und zufällig hereinbrechender Realität um. Bisweilen entfernt sich Wolf und spielt weitab vom Publikum inmitten der fröhlich zusammensitzenden und essenden Gäste der Schanigärten, während der bittere Koltès-Text via Mikro nur in der Publikumsbox vernehmlich ist.

Kornmüller und Wolf haben bei dieser Produktion mit der Obdachloseninitiative VinziRast zusammengearbeitet. Und Cecily Corti, die Leiterin der VinziRast in Wien, war auch bei der Premiere der "Nacht". Als Witwe des Filme- und Theatermachers Axel Corti hat sie in ihrem Leben viel mit der darstellenden Kunst zu tun gehabt, seit Jahren ist sie in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert, was es heißt, kein Dach über dem Kopf zu haben.

Textfassung: Ruth Halle

Service

"Die Nacht kurz vor den Wäldern" von Koltès wird bis zum 5. Mai 2012 am Piaristenplatz gezeigt, dann übersiedeln Publikumsbox und Aufführung in den zweiten Bezirk und zwar an den Nixdorf-Steg nahe der U-Bahn-Station "Rossauer Lände".

Wenn es soweit ist - Die Nacht
VinziRast