Albertina: Körper als Protest
Die moderne Fotografie hat sich immer wieder mit dem Menschen in seiner nackten, ungeschützten Leiblichkeit auseinandergesetzt. Gerade in der Fotokunst beweist man dabei oft genug auch Mut zur radikalen Hässlichkeit – wie eine aktuelle Ausstellung in der Wiener Albertina zeigt.
8. April 2017, 21:58
Morgenjournal, 4.9.2012
Mitte der 1980er Jahre startet der britische Künstler John Coplans ein radikales Projekt. Inspiriert von den knackigen Posterboy-Inszenierungen des schwulen Schock-Fotografen Robert Mapplethorpe beginnt der 1920 geborene Coplans, seinen eigenen, alles andere als knackigen, Körper fotografisch zu dokumentieren.
"Coplans begann im Alter von 64 Jahren, seinen eigenen Körper aufzunehmen", so Kurator Walter Moser. "Die radikale Neuerung dabei war, dass er seinen alten und vergänglichen Körper zeigt. Der Körper wird unidealisiert gezeigt, er wird haarig, faltig und jenseits aller Ideale vorgeführt."
Die Arbeiten John Coplans bilden das Kernstück der Schau in der Albertina. Es sind kompromisslose, verstörende Ansichten eines welkenden Männerkörpers, mit Schwabbelbauch und Schrumpelzumpf und allem, was so dazugehört.
Klaus Albrecht Schröder, Direktor der Albertina, ist bekennender Coplans-Fan: "Er zeigt bewusst nicht mehr den athletischen, idealen, wunderschönen Körper, sondern den Körper eines durchschnittlichen Mannes, dem die Haare sprießen, wo sie sprießen, dem die Finger- und Zehennägel einwachsen, und der durch seine schonungslose Detailversessenheit wirklich die Verfallszeichen eines durchschnittlichen Menschen aufweist."
Protest gegen normierte Schönheitsbilder
"Körper als Protest", der Titel der Albertina-Schau, ist nicht in erster Linie politisch zu verstehen. Es geht nicht so sehr um Protestkunst wie etwa die von Günter Brus oder Rudolf Schwarzkogler, die ihren Körper als aktionskünstlerische Waffe zur Decouvrierung gesellschaftlicher Missstände eingesetzt haben. Nein, im Brennpunkt der Ausstellung stehen Fotografinnen und Fotografen, die gegen normierte Schönheitsbilder und künstlerische Konventionen protestieren, wie der Kurator der Schau, Walter Moser, erläutert:
"Protest äußert sich in dieser Ausstellung in vielerlei Hinsicht: einerseits gegen gesellschaftliche Normen wie zum Beispiel Makellosigkeit und Jugendkult, andererseits zum Beispiel im Feminismus gegen die genormte Darstellung weiblicher Akte oder überhaupt gegen klassische Rollenbilder."
Die "Schönheit des Schwulen"
Der 1989 an Aids verstorbene Künstler hat es längst zu Kalender-Ehren gebracht. Seine Männerphantasien in gelacktem Schwarz-Weiß zieren Zahnarztpraxen und WG-Toiletten. Beim Studium diverser Mapplethorpe-Akte in der Albertina drängt sich die Frage auf: Haben diese fotografischen Vermessungen des männlichen Körpers nicht etwas Riefenstahleskes? Sind Mapplethorpes Arbeiten letztlich doch "schwuler Faschismus"?
"Sind sie nicht", meint Klaus Albrecht Schröder. "Denn das Ideal, die Schönheit, die er entdeckt, ist die Schönheit des Schwulen. Und der Schwule, das Schwulsein an sich, das ist dreckig, letztklassig. Es ist das Verbotene und Tabuisierte gewesen, als er sich dieser "Gay Culture" zuwendet." Dagegen wendet sich Mapplethorpe. Seine Fotos sind ein Protest. Sie sagen: Entdeckt nicht nur die Schönheit des Heterosexuellen, die ihr in der Werbung verwenden könnt, auch der homosexuelle Mann hat eine Schönheit, die bei ihm nicht nur eine innere, sondern auch eine dezidiert äußere Schönheit werden kann."
Neue Identitäten
Auch der weibliche Blick kommt in der Albertina-Schau zu seinem Recht, wie Kurator Walter Moser hervorhebt: "Frauen beginnen sich Mitte der 50er Jahre mit der Darstellung von Frauen und von Akten auseinanderzusetzen. Während der Feminismus in den 50ern noch relativ unbedarft war, wird er in den 60ern und 70ern immer komplexer und theoretisch fundierter und zu einem wichtigen Themenkomplex in der bildenden Kunst."
Da sind zum Beispiel die Fotoarbeiten von Hannah Villiger. Die Schweizer Künstlerin, 1997 verstorben, fügte Arme und Füße, Beine, Bäuche und Brüste zu neuen Identitäten zusammen, so entstanden seltsam verdrehte Fotocollagen.
"Man zerstört nicht nur den weiblichen Körper, man zerstört sogar das Bild", sagt Walter Moser. "Man zerlegt den Bildkörper in seine Einzelteile." Und Klaus Albrecht Schröder ergänzt: "All diese Aufstände gegen die konventionelle Schönheit sind zugleich Entdeckungen, dass das Abseitige ebenso viel Schönheit beinhaltet wie die perfekte Werbung. Nur ist sie ehrlicher."
"Körper als Protest" – es ist eine kleine und kompakte, eine unerhört dichte Schau, die man da in der Albertina bestaunen kann, eine Schau, die auf das Anregendste irritiert und verstört.
service
Ö1 Club-Mitglieder bekommen in der Albertina ermäßigten Eintritt (zehn Prozent).
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