Meister und Margarita

Michail Bulgakows Kultroman "Meister und Margarita" hat viele Sprach- und Sprechebenen. Genau das hat Alexander Nitzberg in seiner Neuübersetzung herauszuarbeiten versucht.

Korowjew, angeblich einstiger Kirchenchorleiter, Dolmetscher und "Ritter", ist in Wahrheit einer der Gehilfen von Woland. Und Woland ist Luzifer, der Teufel höchst persönlich. Zur teuflischen Truppe gehören noch ein katerartiger Mensch, ein Todesdämon, ein Todesengel und ein weiblicher Vampir. Ach ja, die schöne Margarita darf man nicht vergessen. Sie wird mitten im Roman in die Dienste Wolands treten und als Hexe genüsslich ihr Unwesen treiben.

Aber das Stichwort gibt eben Korowjew: "ist nur Jux, nur Jux". An Nestroy gemahnend könnte man sagen: "Einen Jux will er sich machen", genau deswegen sind Luzifer und die Seinen nach Moskau gekommen. Ihr Jux, ihr teuflischer Spaß besteht darin, die braven Bürger des real existierenden Sozialismus in ihrer atheistischen, materialistischen und rationalen Weltanschauung von Grund auf zu erschüttern.

Literarische Moderne

Der Autor bediente sich der Stilmittel der literarischen Moderne. Das sind extreme Bildlichkeit, Personifikation, ungewöhnliche Formulierungen, direkte Rede, Umgangssprache und Brüche in der Erzählfolge.

Damit setzte sich Bulgakow ganz bewusst vom literarischen Realismus ab, der dem offiziellen Geschmack des kommunistischen Russlands entsprach. Und so ist man wieder beim "Jux" und bei Nestroy angelangt. Wenn Korowjew im Roman spricht, dann soll ein gewisser umgangssprachlicher, leicht dialektalter Ton zu spüren sein. Und da hat sich Alexander Nitzberg bei seiner Neuübersetzung von "Meister und Margarita" folgendermaßen entschieden: "Bei Korowjew kam in der Übersetzung eine leichte Prise Wienerisch hinzu, das je nach Bedarf galant, urig oder derb wirken kann."

Begegnung mit dem Teufel

Vielleicht geht es ja manchem Leser wie mir. Ich halte den Romananfang von Bulgakows "Meister und Margarita" für einen der schönsten innerhalb der Weltliteratur. Es ist Frühling und ziemlich heiß. Berlioz, Redakteur einer namhaften Literaturzeitschrift und Vorstandsvorsitzender der größten Moskauer Autorenvereinigung, sitzt mit einem jungen Dichter auf einer Bank am Patriarchenteich. Berlioz hält dem Dichter eine Standpauke, denn dieser hat einen Beitrag über das Leben Jesu Christi geschrieben - zwar mit äußerst kritischen Worten, doch so, dass der Leser glauben könnte, der göttliche "Menschensohn" habe wirklich gelebt. Doch genau das hält der atheistische und rationale Parteisoldat Berlioz für gefährlich, denn für ihn ist Jesus eine erfundene Gestalt, ja, die zentrale Figur der christlichen Propaganda.

Da betritt ein gut gekleideter älterer Herr die Szenerie, setzt sich zu den beiden und sucht das Gespräch mit ihnen. Er spricht perfekt Russisch, allerdings mit einem leichten fremdländischen Akzent. Der Fremde, angeblich ein "Professor", behauptet tatsächlich, mit Immanuel Kant einst dessen Gottesbeweis besprochen zu haben. Aber das ist nicht alles. Auch bei der Hinrichtung Jesu Christi sei er leibhaftig dabei gewesen.

Für Berlioz - und wohl auch für den jungen Dichter - ist mit diesen Worten des Fremden eines sonnenklar.

Doch der Literatur-Apparatschik irrt sich gewaltig. Denn jener ältere Herr ist kein "Irrer aus Deutschland", sondern Woland, also der Teufel. Und das macht er Berlioz auch deutlich, indem er ihm sein nahes Ende voraussagt: Berlioz werde in wenigen Minuten zur Tramstation gehen, dort habe zuvor ein Mädchen unachtsam Sonnenblumenöl vergossen, Berlioz werde auf dem glatten Boden ausrutschen, mit dem Kopf auf die Gleise fallen und eine vorbeifahrende Straßenbahn trenne ihm dann glatt den Kopf ab. Und genau so passiert es. Zurück bleibt ein völlig verwirrter Jungdichter, dessen Zukunft nicht gerade rosig zu nennen ist: Er landet im Irrenhaus.

Roman im Roman

Zwischen diese Szenerie schaltet Bulgakow eine andere Geschichte: die von der Hinrichtung Jesu Christi und vom Verhalten des Pontius Pilatus. Der römische Statthalter von Judäa wird als einer beschrieben, der die Verurteilung Jesu zum Kreuzestod keineswegs gut heißt, aber sie aus poltischen Gründen nicht verhindern kann. Den ganzen Roman hindurch wird Pilatus unter seiner Entscheidung leiden. Und einen Roman über Pontius Pilatus hat eben der "Meister" geschrieben.

Die beiden "Hauptfiguren" von Bulgakows rund 500-seitigen Roman, der Meister und Margarita, gewinnen überhaupt erst im zweiten Teil an Konturen. Auch das ist ein Zeichen für Bulgakows Nähe zur literarischen Moderne: Mit Erzählkonventionen brechen und so die Aufmerksamkeit des Lesers durch Irritation gewinnen. Der "Meister" hat keinen individuellen Namen mehr. Als er seinen Roman über Pontius Pilatus veröffentlichen wollte, wurde er von den Partei-Literaten und den Literaturfunktionären so heftig angegriffen, dass er im Irrenhaus landete.

Margarita, eine schöne, junge und den Luxus liebende Frau, hat sich Hals über Kopf in den "Meister" verliebt. One zu wissen, dass er in einer psychiatrischen Klinik eingesperrt ist, sucht Margarita ihren geliebten Dichter. Und sie scheut eben nicht, dabei in die Dienste des Teufels zu treten. Als schöne Hexe stiftet sie Unfrieden und Verwirrung, wie eben auch Woland und seine teuflische Truppe.

Parallelen zu "Faust"

Diese bekannten Sätze aus Goethes "Faust" dienen Bulgakow als Motto für seinen Roman "Meister und Margarita". Die metaphysischen Späße, die Woland und seine Unterteufel, Hexen und Vampire mit der kommunistischen Gesellschaft Moskaus treiben, legen die Vermutung nahe, dass Bulgakows Roman eine Art Parodie auf Goethes "Faust" darstellt. Margarita ist Gretchen, aber selbstbewusster, sinnlicher und eben dem Teufel zugetan. Der "Meister" ist "Faust", aber weniger gebildet, manchmal derb und eben etwas "irre". Woland und Mephisto sind hingegen beinahe "ebenbürtig".

Doch der Schluss von "Meister und Margarita" lässt eine Parallele zu einem mittelalterlichen Epos zu: Wie in "Tristan und Isolde" erfüllt sich die Liebe zwischen dem Meister und Margarita erst im Tod. Doch welche Ähnlichkeiten man entdecken, welche Schlüsse man ziehen mag, Michail Bulgakows Roman "Meister und Margarita" ist ein höllisch spaßiges, aber auch nachdenkliches Meisterwerk. Es zu lesen, lohnt - gerade in der Neuübersetzung von Alexander Nitzberg.

Service

Michael Bulgakow, "Meister und Margarita", aus dem Russischen übersetzt von Alexander Nitzberg, Galiani Verlag

Galiani Verlag - Meister und Margarita