Die Frau in der Antike

Die vielleicht berühmteste Frau der Antike war Kleopatra VII. Sie ist eine jener Frauen, die die Kunstgeschichte-Professorin und Vizepräsidentin des Amerikanischen Archäologischen Instituts, Jenifer Neils, in ihrem Buch über "Die Frau in der Antike" beschreibt.

In der Nähe von Neapel wurde eine Porträtbüste aus Marmor entdeckt. Sie zeigt ein Mädchen, das sich aus einer Blume erhebt. Der englische Sammler Charles Townley gab ihr den Namen "Klytia", nach einer Nymphe, die laut Mythologie von Helios verfolgt und in eine Blume verwandelt wurde.

Es sind Kunstwerke und Artefakte, die die Geschichte der antiken Frauen erzählen. Die Frauen selbst hinterließen keine schriftlichen Dokumente. Ein Gefäß aus Terrakotta in Form einer Lautenspielerin informiert, dass das Musizieren nicht den Männern vorbehalten war. Dies zeigen auch Wandmalereien ägyptischer Gräber. In der Frühzeit der ägyptischen Hochkultur durften Frauen nur Harfe spielen, klatschen oder mit den Perlen ihrer Halsketten rasseln, doch im Neuen Reich überwiegen rein weibliche Musik-Gruppen.

Hätte Xerxes nur auf seine Frau gehört!

Am Anfang des Buchs von Jenifer Neils steht eine Landkarte der antiken Welt. Sie zeigt den Orient und das Mittelmeer mit Städten von Persepolis über Alexandria bis Tarquinia, der etruskischen Stadt nördlich von Rom. Es ist die Upper-Class, der wir in den kunstvollen Werken begegnen.

Artemisia I., beispielsweise, wurde nach dem Tod ihres Mannes Herrscherin von Halikarnassos. Sie verbündete sich mit den Persern und führte im Jahr 480 vor Christus fünf Schiffe an der Seite des Königs Xerxes gegen die Griechen in die Schlacht von Salamis. Beim griechischen Historiker Herodot ist nachzulesen, dass Artemisia I. voller Tatendrang und Mut dem persischen König bessere Ratschläge gab als seine Kommandanten. Wäre Xerxes Artemisias Strategie gefolgt, so hätte er sich die vernichtende Niederlage bei Salamis erspart und die Perserkriege hätten womöglich zur Unterwerfung Griechenlands geführt. Aus dem Mausoleum in Halikarnassos stammt ein Alabastergefäß, höchstwahrscheinlich ein Geschenk von Xerxes an Artemisia I..

Frauen-Bilder aus verschiedenen Jahrhunderten und unterschiedlichen antiken Kulturen sind auf den vielen farbigen Abbildungen des Buches "Die Frau in der Antike" zu sehen. Jenifer Neils versteht es, die dinglichen Quellen nicht nur zum Sprechen sondern zum Erzählen zu bringen. Manche Fragen bleiben naturgemäß offen. Über das Leben der Armen und Sklavinnen geben die Luxusgefäße nur dürftige Auskunft. Diese Frauen bleiben auch Randfiguren im Buch "Die Frau in der Antike".

Frauen in der Arbeitswelt

Die historische und örtliche Bedingtheit von Ideen darüber, wie eine Frau zu sein habe, tritt deutlich aus Jenifer Neils Text hervor. Die Themen sind universell und bis heute gleich geblieben: Sie spannen sich von der Rolle der Frauen als Mütter und als Trauernde bis hin zu den Frauen in der Arbeitswelt. Es überrascht, wie viele Berufe den Frauen in den frühen Jahrhunderten doch offen standen. Gladiatorinnen und Philosophinnen bilden zwar eher die Ausnahmen, aber sie tauchen sehr wohl in den Quellen auf.

Häufiger aber sind die Frauen in der Nahrungs- und Textilproduktion beschäftigt, sie mahlen das Getreide und spinnen die Wolle. Geburtshilfe, Kinderbetreuung und Prostitution sind weitere Tätigkeitsfelder der antiken Frauen. Die Mutter des Dramatikers Euripides soll Athens berühmteste Gemüsehändlerin gewesen sein.

Neue Einblicke

Aus den Stücken der Komödiendichter Aristophanes und Juvenal lässt sich übrigens herauslesen, dass Frauen eigene Feste feierten, zu denen Männer keinen Zutritt hatten. Die Komödiendichter verunglimpften diese Frauen-Feste als reine Saufgelage, tatsächlich jedoch hatten die Zusammenkünfte einen starken kultischen Charakter. Zu Ehren der Göttin Demeter verließen Frauen ihre Heime und verbrachten mehrere Tage und Nächte im Demeter-Heiligtum. Die Frauen sonderten sich ab, um mittels unterschiedlicher Riten die Fruchtbarkeit von Boden und Menschen zu stärken.

Jenifer Neils Darstellungsweise ist faszinierend. Sie gewährt ganz neue Einblicke in Frauen-Leben. Vieles in Geschichtsbüchern Gelesenes oder im Unterricht Gehörtes wird durch die Zusammenschau der Frauen-Bilder plastisch und einprägsam. Die Sprache der Autorin und ihre Fokussierung auf das Thema ist präzise und klar.

Hier macht sich der Zugang eines Teils der US-amerikanischen Geschichtswissenschaft bezahlt. In den USA ist oft von "her-story" die Rede, von "ihrer" Geschichte also, der Geschichte der Frauen im Gegensatz zur "history". Die Frauen werden in Neils Buch lebendig, da sie mit einem zeitgemäßen Vokabular und aus heutiger Perspektive beschrieben sind.

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Jenifer Neils, "Die Frau in der Antike", Theiss Verlag

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