Alle Wege führen nach Rom

Er ist Autor von 15 Büchern, Historiker und lebt in Rom: Roberto Zapperi. Er ist Mitglied in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und seine Bücher kommen oft zuerst auf Deutsch heraus und danach auf Italienisch. Jetzt erscheint Zapperis jüngstes Werk: "Alle Wege führen nach Rom. Die ewige Stadt und ihre Besucher".

Goethes Burnout

"Goethe ist geflohen!", meint Roberto Zapperi. "Aus dem Kurort Karlsbad floh er um drei Uhr früh, ohne es irgendjemandem zu sagen. Als die anderen aufstanden und zum Frühstück gingen, war Goethe verschwunden. Wochenlang schwieg er. Erst als er in Rom ankam, schrieb er an die Mutter, dass er endlich auf der Piazza del Popolo in Rom angekommen war, wo auch vor vielen Jahren sein Vater Rom betreten hatte."

In Rom wollte Goethe seiner administrativen Arbeit im Herzogtum Weimar entkommen. Zehn Jahre lang hatte er sich mit detailreichen Fragen der Regierungsgeschäfte befassen müssen, mit der Rekrutierung von Soldaten ebenso wie mit dem Bergbau. Heute würde Goethe wohl ein Burn-Out attestiert werden, oder es wäre die Rede davon, dass er sich eine "Auszeit" nahm.

In Rom besuchte Goethe Osterien, Theater und Kaffeehäuser - und er verliebte sich. Auf keinen Fall wollte er als der Autor des "Werther" und Minister des Herzogs von Weimar erkannt werden. Roberto Zapperis Bücher entstehen allesamt aus akribischer Archivarbeit, die mitunter von ganz erstaunlichen Erfolgen gekrönt ist.

Goethe-Archiv auf Italienisch

"Eines Tages war ich zu einer Konferenz in Jena eingeladen", erzählt Zapperi. "Von dort aus fuhr ich mit meiner Frau nach Weimar. Ich sagte: Lass uns doch das Goethe-Archiv anschauen. Ich hatte nicht einmal ein Blatt Papier oder einen Bleistift dabei, da ich dachte, alles, was sich im Archiv befand, sei schon in den 145 Bänden der Weimarer Ausgabe publiziert worden. Ich fragte im Archiv nach dem Inventar und entdeckte darin etwas auf Italienisch! Wie ist das möglich!, sagte ich. Zeigt es mir! Sie zeigten mir einen Mikrofilm und so entdeckte ich ein ganzes Archiv auf Italienisch, das niemand je bearbeitet hatte."

Die deutschen Goethe-Forscher hatten das italienische Archiv nicht entdeckt, da die Goethe-Experten nicht Italienisch sprechen, und die italienischen Germanisten gehen nicht ins Archiv, erklärt Roberto Zapperi. Im italienischen Goethe-Archiv fand er zwei Briefe von Frauen, die ihm als Basis für sein Goethe-Buch dienen sollten, sowie eigenhändige Rechnungen Goethes von allen Ausgaben am Beginn seiner Reise.

Das kurze Leben des August Goethe

Das neueste Zapperi-Buch "Alle Wege führen nach Rom" ist einer Vielzahl von Rom-Reisenden gewidmet, unter ihnen übernimmt auch Goethes Sohn August eine traurige Rolle:

"August Goethe betrat Rom nicht auf der Piazza del Popolo, sondern von Süden her durch die Porta San Giovanni", erzählt Zapperi. "Warum? - Er hatte verstanden, dass der Vater ihn nach Rom geschickt hatte, um dort zu sterben. Also nahm er in Livorno ein Schiff bis nach Civitavecchia, dort gefiel es ihm nicht, er wollte nach Neapel, bloß nicht nach Rom. Von Neapel aus reiste er dann doch nach Rom. Zwei Tage, nachdem er dort ankam, starb er. Sein Vater hatte das vorhergesehen, weil ihm der Arzt der Familie gesagt hatte: Ihr Sohn hat nur mehr vier Monate zu leben. Das sind die hässlichen Scherze des Alkoholismus."

Goethe im Mittelpunkt

Sein erstes Buch veröffentlichte Roberto Zapperi im Jahr 1970. Es ist die Edition des berühmten Pamphlets "Der dritte Stand" des Abbé Sieyès, der bis heute auflagenstärksten politischen Flugschrift, die ein grundlegender Text der Französischen Revolution ist.

Drei Bücher über die Familie Farnese folgten. Die Farnese waren eine italienische Adelsfamilie, die sich in Krieg, Kirche und Kunst verdient machte. Im römischen Palast der Farnese befand sich ein Bild, das zu einem weiteren Zapperi-Buch führte: Das Porträt von Pedro Gonzalez, dem "Wilden Mann von Teneriffa". Die Bildnisse des "Wilden Mannes" im Schloss Ambras bei Innsbruck dienten Zapperi als Quellen.

Jetzt plant Roberto Zapperi ein Buch über Goethe in Venedig und ein weiteres über die Französische Revolution und den deutschen Nationaldichter.

Persönliche Erinnerungen

Im Juli 1943 sah Roberto Zapperi seinen ersten Deutschen, als dieser sich über den Balkon hinaufschwang, um in sein Elternhaus einzudringen: "Die Art, wie er von unten über den Balkon in das Haus eindrang, hat mich sehr neugierig gemacht. Durch diese Neugierde wurde ich im Laufe der Jahre zu einem Germanophilen. Meine erste Reise ins Ausland, führte mich nach Tirol, und ich erinnere mich noch immer an den Geruch der Linsensuppe im Bahnhof von Innsbruck."

Die burleske Szene des Eindringens eines deutschen Soldaten in die elterliche Wohnung im sizilianischen Catania beschreibt Roberto Zapperi auch im Buch "Eine italienische Kindheit". Diese sehr persönlichen und scharfsinnigen Erinnerungen beleuchten die dunkelste Zeit des 20. Jahrhunderts. Sie erzählen von der Flucht der Familie Zapperi aus Catania über Lucca nach Rom, das sich damals in der Zange zwischen Deutschen und Amerikanern befand.

Roberto Zapperis beste Freunde sind Deutsche, sie besuchen den Autor in Rom, und er selbst fährt jedes Jahr mehrmals nach Deutschland. Alle Möbel in der römischen Wohnung wurden in Wien angeschafft. "Ich bin der einzige Italiener, glaube ich, der kein Faschist ist und doch große Sympathien für die Deutschen hegt", sagt Zapperi. "Normalerweise haben die Faschisten Sympathien für die deutschen Soldaten, aber ich war schon als Kind Antifaschist, und mein Vater war Sozialist. Meine Sympathie kommt also nicht aus politischen Überlegungen sondern einfach daher, dass mir schon als Kind Ordnung und Disziplin gefielen."

Abschied von Mona Lisa

Der 1932 geborene Roberto Zapperi erfuhr aus dem Kino von den Taten der Nazis im Krieg. Als er Roberto Rossellinis "Roma città aperta" sah, war Zapperi entsetzt und schloss zunächst mit seiner Sympathie für Deutschland ab, bis er an der Universität La Sapienza Geschichte studierte und zur Überzeugung gelangte, dass ein Historiker Deutsch können müsse. So lernte er die Sprache und seine Frau Ingeborg Walter kennen, sie ist Kunsthistorikerin.

"Jedes meiner Bücher begleitet meine Frau von Anfang an Schritt für Schritt. Von der ersten Idee bis zur Zusammenfassung diskutiere ich das Buch täglich mit ihr, und auch alle meine Artikel", so Zapperi. "Das ist eine wechselseitige Arbeit: Sie übersetzt meine Bücher und ich ihre. Jetzt zum Beispiel hat meine Frau ein Buch über die Strozzi in Florenz geschrieben, bis dato haben wir noch keinen Verlag gefunden, aber ich mache mich jetzt daran, einen zu finden und das Buch zu übersetzen. Ich habe auch ihr wichtigstes Buch übersetzt, jenes über Lorenzo den Prächtigen und seine Zeit."

Roberto Zapperi hat keine Angst vor großen Themen, und so stellte er unlängst das berühmteste Gemälde der Kunstgeschichte auf den historischen Prüfstand. "Abschied von Mona Lisa" heißt das kontroversielle Buch. Gerade ist es unter dem Titel "Mona Lisa Addio" im Florentiner Verlag Le Lettere erschienen. "Die Recherche brachte mich dazu festzustellen, dass Leonardo 'La Gioconda', die Mona Lisa, in Rom gemalt hatte, im Auftrag von Giuliano de' Medici. So entstand also das Buch 'Abschied von Mona Lisa', über welches in Deutschland sehr heftig diskutiert wurde. Über die neue These entbrannte eine Diskussion in den Zeitungen, zwischen verschiedenen Kunsthistorikern und mir."

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Roberto Zapperi, "Alle Wege führen nach Rom. Die ewige Stadt und ihre Besucher", aus dem Italienischen von Ingeborg Walter, C. H. Beck

C. H. Beck - Roberto Zapperi