Sex und die Zitadelle

Das Lieblingsthema des Menschen, ein Tabu im Islam? So einfach ist es nicht. Fünf Jahre lang befragte die Journalistin Shereen El Feki Menschen in Ägypten und anderen Teilen der arabischen Welt zu ihrem Sexualverhalten. Dabei herausgekommen ist ihr Buch "Sex und die Zitadelle".

Flach auf dem Rücken, empfangsbereit, nach fünf Minuten ist alles vorbei. So definieren 'Azza und ihre Freundinnen, Frauen aus Kairo in ihren Vierzigern, die weibliche Rolle beim Liebesspiel. Die Idee von Stellungswechsel oder gar Vorspiel stößt auf Kichern. Nein, sagt 'Azza, wenn ich meinem Mann so was vorschlage, hält er mich für schamlos.

Was hier auf den ersten Blick mittelalterlich anmuten mag, ist Teil einer sehr viel komplexeren sexuellen Realität. Die Autorin Shereen El Feki versucht, diese zu entschlüsseln. Fünf Jahre lang befragte die gelernte Immunologin Menschen in Ägypten und anderen arabischen Ländern zu ihrem Sexualverhalten. Was sie selbst tun, was sie nicht tun, was sie über Sexualität denken und warum. In Gesprächen mit Menschen aus dem Bekanntenkreis wie 'Azza, aber auch mit Experten wie Sexualtherapeuten, Staatsbediensteten oder Zuhältern erläutert sie in sieben Kapiteln das arabische Liebesleben im Wandel der Zeit.

"In den Nachwehen der Aufstände von 2011 kehrt die neue Regierung doch nur zur alten Tagesordnung zurück, zu einem deutlichen politischen Umbruch kam es nicht", sagt El Feki. "Ich erwarte nicht, einen in der Sexkultur zu sehen, die ja sehr viel komplexer ist. Ich fordere keine sexuelle Revolution in der arabischen Welt, ich glaube das wäre unrealistisch. Was ich hoffe, ist, dass mein Buch die Leute dazu bringt, Fragen zu stellen."

"Sexuelles Paradies" Westen

Shereen El Fekis über 400 Seiten umfassendes Buch basiert auf folgender Annahme: Um ein Volk zu verstehen, müsse man einen Blick in seine Schlafzimmer werfen. Nicht eine einzige Abfuhr hat sich Shereen El Feki bei ihren Umfragen eingefangen. Ihr sympathisches Auftreten mag hilfreich gewesen sein - eine humorvolle Frau, die den Aufruhr um ihr Buch selbst nicht fassen kann. Als Tochter eines Ägypters und einer Waliserin wuchs sie in Kanada auf. Diese Doppelrolle als In- und Outsider sei ihr bei der Recherche zugute gekommen.

"Es gibt diese Auffassung, Menschen aus dem Westen kämen aus einem sexuellen Paradies", sagt El Feki. "Klar, das stimmt nicht, es gibt enorme sexuelle Probleme in westlichen Gesellschaften. Trotzdem ist das Bild, das viele Leute durch Filme und Fernsehserien haben, das von sexueller Gesetzeslosigkeit. Die Leute nahmen also an, ich würde sehr viel offener über Sex reden. Und das Problem war eigentlich nicht, die Leute zum Reden zu bringen, sondern, sie zu stoppen."

Laut El Feki sei in Ägypten, wie in allen muslimisch geprägten Ländern, die Angst groß, das Gesicht zu verlieren. Sie wirft dazu eine interessante Theorie auf. Diese Diskrepanz zwischen Schein und Sein, so die Autorin, beruht auf dem Umstand, dass der Islam die Institution der Beichte nicht kennt. Der Koran ermahnt die Gläubigen, ihre dreckige Wäsche zuhause zu waschen. Und im christlichen Abendland? Facebook, YouPorn und nachmittägliche Talkshows als moderne Form der Beichte zu bezeichnen, scheint so abwegig nicht. Dass diese unbedingte Aufrichtigkeit aber auf alle Gefilde und Epochen in christlichen Breiten zutrifft, darf stark angezweifelt werden.

Opposition zum freizügigen Westen

El Feki benennt Gründe für die, wie sie es nennt, Sexualkrise in Ägypten: hohe Arbeitslosigkeit, die sich in Frustration und sexueller Gewalt äußern kann, wirtschaftliche Abhängigkeit der Frauen, Autoritätshörigkeit gepaart mit mangelnder Aufklärung.

"Wenn Du jung bist und dir Gedanken über Masturbation machst, und dann ein E-Mail an eine islamische Ratgeberseite schickst, dann kommt dir der salafistische Rechtsgelehrte mit 'Aah, natürlich ist das haram, verboten, du wirst in die Hölle kommen, mehr als das, du wirst impotent und blind werden.' Die jungen Leute müssen verstehen: Dieser Mann ist nicht Gott. Warum muss ich auf ihn hören, oder warum muss ich ihm überhaupt E-mailen? Wieso kann ich da für mich nicht selbst einen Weg finden?"

Wie offen der Islam für Sinnlichkeit und körperliche Freuden ist, wird durch strenge Interpretationen oft verschleiert. Noch Anfang des letzten Jahrhunderts bot die Stereotype der wollüstigen Haremsdame eine willkommene Projektionsfläche für die Sehnsüchte der von Lustfeindlichkeit umgebenen Europäer. Wann aber wandelte sich diese Einstellung? Im Ägyptischen gibt es den Ausdruck 'uqdit al-khawaga - Ausländerkomplex. Er beschreibt ein Gefühl der Unterlegenheit gegenüber dem Westen, stark geprägt von Erinnerungen an die Kolonialzeit. In diesem Klima bekamen fundamentalistische Gruppen wie die Muslimbruderschaft Aufwind. Diese Gruppen inszenieren sich heutzutage ganz bewusst als Opposition zum sexuell freizügigen Westen. Dieser hingegen sieht sich selbst als das Maß aller Dinge, wie El Feki in "Sex und die Zitadelle" schreibt:

Wege und Abwege

Realitätsferne kann man El Feki nicht vorwerfen. Zu jedem Aspekt, der auch nur im Entferntesten mit Sexualität zu tun hat, liefert sie die passende Story. Sie zeigt Wege und Abwege auf, auf die Sex den Menschen führen kann. Oder die den Menschen andersherum hin zum Sex führen können. Wie das Eheleben. Die Ehe gilt im Islam als einziger legitimer Rahmen für sexuelle Aktivitäten. Alles andere birgt Gefahren: voreheliche Schwangerschaften, Ehrverlust - die Schlagwörter sind bekannt.

Dies führt zu einem paradoxen männlichen Sexverständnis. Da wäre der Leistungsdruck. Er kulminiert in der Hochzeitsnacht, wo vom Mann volle Bereitschaft erwartet wird, sozusagen von null auf hundert. Und später? Einerseits gelangweilt im Ehebett, empfinden Männer andererseits weibliche Initiative als Gefahr. Den sexuellen Kick holen sie sich außerhalb. Gesellschaftlich gebilligte Alternativen gibt es genug. Informelle Eheformen wie die sogenannte 'urfi–Ehe. Eine Eheschließung auf Zeit, ohne Verpflichtungen, die Frau behält nach der Scheidung ihr Brautgeld.

Die 'urfi–Ehe ist ein Schlupfloch für junge Paare, aber auch ein Euphemismus für Prostitution, die sich so mit Ach und Krach ins islamische Normsystem betten lässt. Doch dass diese Sexarbeiterinnen, deren Dienste weithin in Anspruch genommen werden, schamlos sind, steht außer Frage. Was diese im Bett treiben, dürfte die eigene Frau nie tun.

Problem Homosexualität

Doch was ist mit jenen, die nicht heiraten können oder wollen? Homosexuelle wie Munir zum Beispiel, ein junger Mann aus der Arbeiterschicht in Kairo. Ächtungen und Übergriffe von Staatsseite sind für ihn keine Fremdwörter.

"Er ist ein Mann, der Sex mit anderen Männern hat, er wurde ein paar Mal festgenommen", erzählt El Feki. "Eigentlich gibt es in Ägypten kein Gesetz, das gleichgeschlechtliche Handlungen ausdrücklich unter Strafe stellt, er wurde dann wegen Prostitution, Drogenmissbrauch und so verhaftet. Im Gefängnis haben ihn dann die Polizisten vergewaltigt. Das ist ein Machtinstrument, im Arabischen sagt man 'Jemandes Auge brechen'. Wenn du jemanden erniedrigen willst, ist Sex ein sehr mächtiges Werkzeug, weil es mit Schande assoziiert wird."

Natürlich gibt es auch in Kairo eine rege Schwulenszene. Wie die meisten Menschen, denen El Feki begegnete, findet auch Munir seinen Lebensraum in den vielen Schlupflöchern zwischen religiösen Normen und gelebter, stumm gebilligter Realität.

Fundierte Informationen

"Sex und die Zitadelle" ist ein längst fälliger Beitrag zu einer stark klischeebehafteten Debatte. Auch wenn das Buch zwei kleine Schwächen hat. Zum einen kommt vor allem die Mittelschicht zu Wort. Die Hälfte der Bevölkerung Kairos lebt aber in Slums. Zudem umgeht die Autorin stets eine Selbstpositionierung. So spricht sie über ägyptische Frauen, wenn es um deren Unwissen bezüglich Sexspielzeugen oder deren Abneigung gegen Oralsex geht. Ruft sie aber die Aufstände auf den Plan oder die Notwendigkeit zum Dialog, verfällt sie in die Wir-Form. Vielleicht zieht das Aufwachsen in zwei Kulturen einen solchen Perspektivwechsel unbewusst mit sich. Doch man kann Shereen El Feki auch vorwerfen, schwimmen zu wollen, ohne nass zu werden.

Dieses Manko ist aber verzeihlich angesichts des Ergebnisses. "Sex und die Zitadelle" bietet fundierte Informationen zum Sexleben in einem muslimischen Kontext, benennt konkrete Probleme und bietet zukunftsweisende Lösungsvorschläge.

Service

Shereen El Feki, "Sex und die Zitadelle. Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt", übersetzt von Thorsten Schmidt, Hanser Verlag

Hanser - Sex und die Zitadelle

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