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Kultur

Selig & Boggs

Als die Bilder laufen lernten

Chicago, im Herbst 1907. Unter dem Glasdach des Selig Polyscope Lichtspielateliers dreht Francis Boggs einen Film, der das Attentat auf seinen Großvater schildert. Senator Lilburn Boggs war Gouverneur von Missouri – und berühmt-berüchtigt wegen der Ausrottung der Mormonen in dem Bundesstaat.

Lichtspielleiter Francis Boggs filmt gerade die Szene kurz vor dem Anschlag, als er die Aufnahme unterbrechen muss. Eine Wolke war aufgezogen und hatte die Szenerie verdunkelt. Wenig später gibt es wieder eine Zwangspause, als Regentropfen auf das Glasdach des Studios fallen. Boggs ist entnervt: "Man sollte nach Kalifornien ziehen", sagt er, "denn hier ist das Wetter nicht gut".

Mit dieser Szene beginnt Christine Wunnickes Buch über die Pionierzeit des Films – einer erfundenen Szene. Dass Francis Boggs je einen Film über das Attentat auf den auch "Mormonenschlächter" genannten Großvater in Angriff nahm, ist nicht verbürgt. Verbürgt aber ist, dass es dieses Verbrechen, das Boggs senior schwer verletzt überlebte, tatsächlich gab, dass Boggs junior ein besessener Filmemacher und Angestellter von William Seligs Firma Polyscope war, dass er sich aus dem unbeständigen Chicago fortwünschte in das sonnige Kalifornien – und dass er schließlich auch dort hinzog.

"Es hat mich interessiert der alte Film, auch der uralte Film noch im 19. Jahrhundert", so Christine Wunnicke im Gespräch. "Aber irgendwie bin ich an dieser Geschichte hängengeblieben. Es ist wirklich eine etwas unbekannte Geschichte. Allerdings, wenn man sich für den ganz frühen Film interessiert, da stellt sich immer die Frage, wie ist denn das alles nach Kalifornien gekommen? Wieso steht da von einem Tag auf den anderen Hollywood in der Landschaft? Und da kommt man um die beiden nicht wirklich herum."

Ein Duo voller Pioniergeist

"Die Erfindung von Hollywood" erzählt die Geschichte zweier ungleicher Männer und erinnert an ihre Bedeutung für die Anfänge der Filmindustrie. Selig und Boggs, das war ein Duo voller Pioniergeist, Kreativität, Tatendrang und Mut. Und Christine Wunnicke würdigt ihr Leben und ihre Leistung auf eine sympathisch unaufdringliche und lockere Art, die sich auf ausführliche Recherche stützt, gelegentlich aber auch fiktive Dialoge oder Gedanken einstreut und auf knapp 110 Seiten keine trockene Dokumentation liefert, sondern eine kleine, bruchstückhafte, faktenbasierte Erzählung.

"Ich wundere mich immer selber, wie viel daran eigentlich verbürgt ist", sagt Christine Wunnicke. "In den Grundabläufen ist es die historisch verbürgte Wahrheit. Natürlich ist trotzdem alles erlogen, denn es ist szenisch geschrieben, und ich saß nicht daneben."

Streifen fürs Nickelodeon

Bevor William Selig, der Ältere der beiden, zum Film kam, hatte er ein illustres Leben geführt. Er war Varieté-Künstler, Salonmagier und Taschenspieler und tingelte mit einer eigenen Minstrel-Show durch die Lande. Doch die Geschäfte gingen schlecht. Da sah er eines Tages, wie Menschen sich für einen seltsamen Apparat faszinierten, in dem kleine Zelluloidstreifen abgespult wurden: Edisons "Kinetoskop". Der Film schien die Massen zu elektrisieren. Selig ließ sich eine eigene Kamera bauen, gründete 1896 in Chicago die Selig Polyscope Company und begann mit der Produktion und Vermarktung von kleinen Streifen für das Nickelodeon.

Seine rechte Hand wurde Francis Boggs, ein aus Kalifornien stammender Schauspieler. Kümmerte Selig sich um das Geschäftliche, so war Boggs für das Filmische zuständig, ein – wie Christine Wunnicke schreibt - "hervorragender, einfallsreicher und überaus produktiver Lichtspielleiter", der auf Seligs Geheiß neun kurze Streifen pro Woche drehen musste.

"Es gibt kein Thema, das nicht auf so eine Spule gebannt wurde", so Christine Wunnicke. "Von 'Romeo und Julia' bis zu Komödien, dann das große, neue Genre des Wildwest-Films, das die Polyscope auch sehr geprägt hat. Und sonst: Liebe, Wahnsinn, Tod, Schmerz, alles, was man sich denken kann. Kolumbus kommt nach Amerika, im Gartenteich gefilmt. Also keine Scheu – alles geht im Film."

Zoff mit Edison

1907 hatte Chicago zwei Millionen Einwohner und 116 Lichtspielhäuser. Damit war die Stadt nach New York das zweitwichtigste Zentrum der beginnenden Filmindustrie. Dabei war der Standort nicht unbedingt ideal. Das lag zum einen am Wetter. An 150 Tagen im Jahr fiel in Chicago Regen oder Schnee. Und noch waren die Lichtspielregisseure auf natürliche Beleuchtung angewiesen, weil elektrisches Licht nicht weich genug war, Lampen oft zerplatzten und das wenig empfindliche Filmmaterial viel Helligkeit verlangte.

So drehte man in gläsernen Studios während der knapp bemessenen Sonnenstunden. Es gab aber noch einen zweiten Grund, Chicago zu fliehen, und der hieß Edison. Der Erfinder hatte sich seine Kinetoskope, Kinetographen, Filme und Projektoren patentieren lassen und kannte keine Gnade bei der Eintreibung von Lizenzgebühren, an denen die Filmproduzenten schwer zu schlucken hatten.

"Das sind die zwei Konstanten: schlechtes Wetter und dauernd den Edison mit seinen Patentschergen auf den Fersen", meint Wunnicke. "Und es muss wirklich brutal zugegangen sein - also von wegen: Kamera auf, reingucken, ist da dieser oder jener technische Gimmick drin. Wenn ja, rausreißen, Kameramann vermöbeln. Es waren harte Sitten."

Entwicklungsgebiet Hollywood

Während William Selig Chicago nicht verlassen wollte, drängte es Francis Boggs ins sonnige Kalifornien. Im Umkreis von Los Angeles suchte er nach einer passenden Behausung – und gründete schließlich in Edendale, drei Meilen nordwestlich der Stadt, die kalifornische Dependance der Polyscope. Hollywood hatte er auch besichtigt - und den Ort für deprimierend befunden.

"Es war ein Entwicklungsgebiet, das ganze Umland von Los Angeles", sagt Wunnicke. "Wenn man da die alten Bilder sieht, wie Hollywood aussieht 1908, bevor es Hollywood wurde, da lacht man sich tot. Das ist ein Hotel, eine staubige Straße und drei Orangenbäume. Das ist wirklich eigenartig."

Auch wenn Boggs Edendale dem "Stechpalmenwald" vorzog, hat er doch den Aufstieg von Hollywood mitinitiiert. Im Zuge seiner Übersiedlung kamen nun viele Filmproduzenten, die unabhängig sein wollten, nach Kalifornien. Gab es 1907 noch nicht einmal ein Lichtspielhaus in Hollywood, so waren schon zehn Jahre später gut drei Viertel aller amerikanischen Lichtspielgesellschaften hier ansässig. "Edisons Lizenzen waren in der kalifornischen Sonne zerschmolzen", schreibt Wunnicke und meint: "Es ist dermaßen abrupt und schnell gewachsen, diese Filmindustrie im Umland von Los Angeles - so schnell konnten Edisons Schergen nicht gucken, wie da mit nicht-lizenziertem Material hantiert worden ist. Das war einfach nicht mehr zu kontrollieren. Und irgendwann hat Edison aufgegeben."

Ein eigener Zoo

"Selig & Boggs": Das ist eine unglaubliche Erfolgsstory mit vielen skurrilen und bizarren Details - und einem tragischen Ende. Denn Boggs, der ambitionierte Filmemacher und Experimentator mit entfesselter Kamera, hat den Glanz von Hollywood und die Realisierung vieler Projekte nicht mehr erlebt. Er starb 1911 eines unnatürlichen Todes: durch die Hand eines Angestellten der Firma, eines offenbar geistesverwirrten japanischen Gärtners.

"Der war betrunken und verrückt und psychotisch", erklärt Wunnicke. "Er sagte, ein alter Mann hat ihm gesagt, Francis Boggs sei ein böser Mensch. Dann hat er einen Revolver aus der Requisite geholt und den Selig angeschossen, den Boggs erschossen. Da gibt es kein Motiv - außer Wahnsinn."

Nach Boggs Tod ging es mit Seligs Polyscope bergab. Sie hatte den Anschluss verpasst an den modernen, abendfüllenden Spielfilm. Ihre Domäne blieb die kurze, grelle Nickelodeon-Unterhaltung. Gründer Selig versteifte sich auf sein anderes Faible, die Tiere, und beschäftigte sich fortan mehr mit seinem eigenen Zoo.

"Der nannte sich 'Dschungelkönig von Amerika'", erzählt Wunnicke. "Und alle Filme mit wilden Tieren mussten von der Selig Polyscope sein. Er war sehr tierlieb, er hatte auch immer irgendwelche merkwürdigen Haustiere um sich geschart, schon in Chicago - Lamas und Affen und so Zeug. Die hatten eine irrsinnige Menagerie in Edendale. Das war dann der Grundstock zu dem Selig-Zoo in Los Angeles nachher."

Hommage an die Anfänge des Films

Christine Wunnickes kleines Buch endet mit Seligs Bankrott und Vergessen. Als William Nicholas Selig, der Ex-Taschenspieler, Polyscope- und Zoo-Gründer, 1947, ein Jahr vor seinem Tod, einen Ehrenoscar "für Pioniergeist" bekam, wusste keiner im Publikum, wer er eigentlich war. Schon 1923 ging seine Filmfirma pleite, 1925 musste er auch den Zoo verkaufen. Eines seiner Tiere überlebte bei der Konkurrenz: Jackie, der brüllende Löwe im Emblem der Metro Goldwyn Mayer, wie Wunnicke in ihrer Rekonstruktion einer abenteuerlichen Geschichte mitteilt:

"Ich hab mir immer gewünscht mein Leben lang, dass ich irgendwelche alten Stummfilm-Reste finde, am besten einen verlorenen Murnau, und dann die Zensur-Karten, und dass ich dann die Zwischentitel rekonstruieren kann und nachher einen Film habe - einen nicht 100-prozentig erhaltenen Film, wo dazwischen auf der DVD dann Standbilder eingeblendet werden oder der Text kommt, 'hier wissen wir nicht weiter'. Das ist auch mein Gefühl, als ich diese Geschichte recherchiert habe, dass ich denke, man guckt so rein in Leben, die verloren sind, die auch nicht wirklich berühmt geworden sind, und hat dann plötzlich so ganz lebhafte Details. Und dass man das zusammensetzt zu etwas, das nicht komplett fertig ist, sondern ein Entwurf, ein Versuch von einer Geschichte."

"Das Wetter in Chicago ist eine himmelschreiende, teuflische Katastrophe", lässt Christine Wunnicke ihren Lichtspielleiter Francis Boggs sagen. Und erklärt damit, wie und warum Hollywood zu Hollywood wurde - in ihrer sehr lesenswerten, von vielen Zeitungsnotizen, Buchzitaten, zeitgenössischen Anzeigen und anderem durchsetzten, immer wieder auch mit einem Augenzwinkern präsentierten Hommage an die Zeit, als die Bilder laufen lernten, die, mit ihren Erfindern und Unternehmern, Künstlern und Kriminellen, Primadonnen und Kulissenschiebern, selbst das Zeug hat zu einem Hollywoodstreifen - einem kleinen, keinem episch breiten.

Gestaltung: Wolfgang Seibel · 10.05.2013

Service

Christine Wunnicke, "Selig & Boggs. Die Erfindung von Hollywood", Berenberg Verlag

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