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Kultur
Wiener Festwochen 2013, Festspielsender 2013

Castellucci-Performance

Mit einer viel diskutierten Theaterarbeit kommt der renommierte Regisseur Romeo Castellucci ins Wiener Burgtheater. "Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn" lautet der Titel des Stücks, das ab Samstag, 11. Mai 2013, im Rahmen der Wiener Festwochen zu sehen ist.

Das Stück stößt auf massive Proteste christlich-konservativer Gruppen. Stein des Anstoßes ist ein riesiges Jesusbild auf der Bühne, vor dem ein Sohn seinen inkontinenten Vater pflegt.

Es fallen, wie oft bei Romeo Castellucci, wenige Worte in diesem Stück. Ein alter, gebrechlicher Mann wird liebevoll von seinem Sohn gepflegt. In einem ständig wiederkehrenden Akt wechselt der junge Mann die Windeln seines Vaters, doch jedes Mal vergeblich: Der alte Mann ist inkontinent, scheidet immer von neuem Kot aus, bald sind die Exkremente auf der Bühne verteilt. Der Vater ist verzweifelt, weint, entschuldigt sich immer wieder, während er von seinem Sohn getröstet wird. Es ist ein Akt fürsorgender Liebe, den der italienische Regisseur Romeo Castellucci auf die Bühne bringt.

"Ich denke, es handelt sich hier um ein neues Vokabular der Liebe", meint Castellucci. "Anstelle von Küssen haben wir es mit Scheiße zu tun, aber das macht keinen Unterschied. Dieses Stück berührt, weil es Menschlichkeit zeigt. Man kann es auch zeitkritisch sehen: Viele pflegebedürftige Menschen werden heute von ihren Kindern alleingelassen. Diese Szenen lassen sich also auf ganz unterschiedliche Weise interpretieren."

Beherrscht wird die Bühne von einem riesigen Jesusbildnis im Hintergrund, das die handelnden Personen vor ihm beobachtet, aber auch dem Publikum scheinbar ständig in die Augen schaut. Es handelt sich um ein stark vergrößertes Gemälde des Renaissance-Malers Antonello da Messina. Romeo Castellucci, bekannt für seine Rückgriffe auf die bildende Kunst, kehrt mit diesem Porträt die Rollen um: Im Stück "Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn" werden die Zuschauer selbst zu Beobachteten.

Proteste von kirchlicher Seite

Im zweiten Teil des Stücks ändert sich die Szenerie: Die Bühne verdunkelt sich, Jugendliche treten auf und bewerfen das Bildnis mit Plastikhandgranaten. Während die Inszenierung bei vielen Theaterbesuchern einen tiefen Eindruck hinterließ, wie diverse Kritiken berichten, sorgte sie bei christlich-konservativen Gruppen für Proteste. 2011 etwa wurden Theaterbesucher in Paris mit Eiern und Tränengas attackiert; einige Monate später bezeichnete der Berliner Kardinal Rainer Maria Woelki das Stück als "unanständig" und "provokant", ohne es allerdings selbst gesehen zu haben.

Regisseur Romeo Castellucci kann die Vorwürfe nicht verstehen, ortet dahinter allerdings eine tief sitzende Angst der Kirche vor zeitgenössischer Kunst: "Die Kirche ist heute nicht mehr fähig, heilige Bilder zu produzieren. Sie ist eifersüchtig auf die Kunst, denn die Menschen holen sich ihre spirituellen Erfahrungen heute im Museum, nicht in der Kirche. Sie sollte sich also fragen, was bei ihr falsch läuft."

In Wien dürfte sich die katholische Kirche jedenfalls auf einen seriösen Dialog mit dem Regisseur einlassen: Am Sonntag um 12 Uhr gibt es im Museumsquartier ein Künstlergespräch - mit Romeo Castellucci und Dompfarrer Toni Faber.

08.05.2013

Service

Ö1 Club-Mitglieder bekommen bei dieser Produktion der Wiener Festwochen ermäßigten Eintritt (15 Prozent).

Wiener Festwochen - Über das Konzept des Angesichts von Gottes Sohn

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