Füllhorn, geleert?

Eineinhalb Jahrhunderte lang bedienten sich unzählige Musikschaffende daraus; dann riss die Tradition ab: Spätestens in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg scheint "Des Knaben Wunderhorn" endgültig aus der Mode gekommen zu sein. Dieses Füllhorn einer poetischen Welt, erschienen erstmals 1805, hat weit mehr Vertonungen als die weltberühmten von Gustav Mahler inspiriert.

Da ist der Bariton Wolfgang Holzmair genau der Richtige, um nach unbekannten Liedern zu suchen und die gehobenenen raren Schätze dann in eine intelligente Reihenfolge zu bringen. Vor allem aber ist er der rechte Interpret, der Sänger aus Vöcklabruck, dessen Karriere lange Zeit außerhalb Österreichs stattfand. (Köstlich die über Jahre gleichen Bezeichnungen des inländischen Feuilletons, es handle sich um den "jungen Bariton Wolfgang Holzmair", als wäre er nach wie vor ein noch unbekannter Newcomer.) Holzmair hat längst alle Liederzyklen Schuberts aufgenommen, und vieles mehr, Brahms, Wolf etc. etc.

Hier nun bringt er etwa das (von Mahler in der 2. Symphonie vertonte) "Urlicht" von Josef Suder (1892-1980), eine vokale Perle, jedoch rauer, karger als Mahlers berühmtes Vorbild, oder auch das skurrile "Bucklichte Männlein" von Alexander Zemlinsky, gleichermaßen überzeugend - einmal mit lang ausschwingender Kantilene, einmal mit Chanson-artiger Erzählqualität. Wer weiß, was es noch alles zu entdecken gibt, aus dem noch nicht geleerten Füllhorn namens Wunderhorn...

Wolfgang Holzmair & Thérèse Lindquist: Wunderhornlieder / col legno

Albert Hosp am 11.12.2013