Petrowskaja: "Vielleicht Esther" ist fertig

"Wunderbar, einmalig, kraftvoll, locker und leicht gewebt" befand die Jury des Bachmannpreises 2013 bei der Vergabe an Katja Petrowskaja. Überzeugt hatte sie mit dem Ausschnitt aus einem Buch über ihre eigene jüdische Familiengeschichte. Dieses Buch ist jetzt fertig. "Vielleicht Esther" erscheint in der kommenden Woche im Suhrkamp Verlag und ist bereits jetzt für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Dass dieses Buch schon im Vorfeld viel Aufmerksamkeit bekam, hat auch mit der Biografie von Katja Petrowskaja zu tun: Die gebürtige Ukrainerin, die seit 15 Jahren in Berlin lebt, hat im Februar die Ereignisse am Majdan an Ort und Stelle beobachtet und darüber berichtet.

Mittagsjournal, 8.3.2014

Von Kiew geht die Geschichte aus, wo anno 1941 innerhalb weniger Tage über 33.000 Juden erschossen wurden. Die Erzählerin besucht den Ort des Massakers, die Schlucht Babi Jar und versucht sich vorzustellen, was hier vorgefallen ist. Sie ist auf der Suche nach den Spuren ihrer Urgroßmutter, von der nur zwei Dinge geblieben sind, "eine Fotografie und eine Geschichte".

Vorsichtig tastet sich Katja Petrowskaja in dieser autobiografischen Erzählung vorwärts und nimmt den Leser, die Leserin mit auf diese Recherche. Sie fragt nach den Namen und den Orten, durchquert halb Europa, sucht in Archiven, im Internet und findet noch letzte Überlebende der weit verstreuten Familie.

Da ist der Großonkel Judas Stern, der als Student 1932 ein Attentat auf den deutschen Botschaftsrat in Moskau verübte, sein Bruder, der ein Revolutionär in Odessa war, oder der Urgroßvater, der in Warschau ein Waisenhaus für taubstumme jüdische Kinder gründete. Wo die Erinnerungen aufhören und die Fakten fehlen, beginnt die Fiktion.

"Jahre meiner Kindheit verbrachte ich auf diesem schönen Kiewer Hügel, oberhalb der wichtigsten Straße der Stadt, direkt über dem Majdan", schreibt Katja Petrowskaja. Im Kiew der Sowjetunion wurde Katja Petrowskaja 1970 geboren. Sie war 16, als der Reaktor von Tschernobyl explodierte. Damals hat sie die Stadt verlassen und ist ohne Familie nach Moskau übersiedelt. Seit 1999 lebt sie in Berlin.

Erst durch die deutsche Sprache, sagt Katja Petrowskaj, sei es ihr möglich geworden, über die Geschichte ihrer Familie zu schreiben. Gewissheiten sind nicht zu haben, weder über die Vergangenheit noch über die Gegenwart und schon gar nicht in der Ukraine von heute, das hat Katja Petrowskaja zuletzt auch bei einer ARD-Fernsehdebatte deutlich gemacht. Katja Petrowskajas vielschichtige Erzählung "Vielleicht Esther" ist nicht zuletzt auch ein Schlüssel zum Verständnis der Ukraine.

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