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Kultur

Mein Weg von Kongo nach Europa

Politische Verfolgung oder grenzenlose Armut treibt viele Menschen aus ihrer afrikanischen Heimat nach Europa, oft endet diese Flucht tragisch im Mittelmeer. Einer, der es geschafft hat und die unfassbaren Bedingungen seiner fünfjährigen Flucht nun aufgeschrieben hat, ist der Kongolese Emmanuel Mbolela. Seine autobiografische Erzählung "Mein Weg vom Kongo nach Europa" wurde am Abend im Parlament vorgestellt.

"Für Tausende heute ist Flucht Notwehr", schreibt Jean Ziegler in seinem Vorwort. Für den jungen Ökonomiestudenten Emmanuel Mbolela gab es 2002 tatsächlich keine Wahl. Weil er gegen das korrupte Kabila-Regime seiner Heimat Kongo auf der Straße demonstrierte, musste er ins Gefängnis. Die Alternative zum Exil wären Folter, Kerker oder Tod gewesen.

"Ich will mit meinem Buch darüber aufklären, warum Menschen ihre Heimat verlassen, wie Migrationswege verlaufen, aber auch um den politischen Entscheidungsträgern in den europäischen Ländern zu zeigen, wie ihre Migrationspolitik Menschenleben gefährden und zerstören kann. Mein Weg steht stellvertretend für viele - und ich will ganz offen alle Verbrechen und Abscheulichkeiten, die auf den Flüchtlingsrouten passieren, benennen und anklagen", sagt Emmanuel Mbolela.

Vergewaltigung, Hunger, Schlafmangel, Kälte und Willkür sind die Flüchtlinge ausgesetzt - ausgeliefert geldgierigen Schiebern, gewalttätigen Polizisten und korrupten Grenzbeamten. Nachdem er in der Sahara nur knapp dem Tod entgeht, wähnt sich Mbolela in Marokko am Ziel, bis er merkt, dass der offizielle Flüchtlingsstatus des UNHCR gar nichts wert ist.

"Die Papiere des UNHCR haben uns nicht vor Polizeiwillkür geschützt. Außerdem waren wir ausgeschlossen von jeglicher Arbeit, Schulbildung und Sozialleistung. Wir mussten uns tagsüber vor Razzien verstecken und waren Opfer von Rassismus, Rückschiebungen und Polizeigewalt."

Gründer der ARCOM

Als eines Tages eine junge Frau mit ihrem drei Tage alten Kind in die Wüste abgeschoben werden soll, kann Emmanuel Mbolela nicht mehr schweigen. Er gründet - nur mit seinem Auftreten und seiner Bildung als Kapital - die ARCOM, die kongolesische Vereinigung der Flüchtlinge und Asylwerber.

"In Marokko hab ich gesehen, dass Papiere mehr wert sind als Menschenleben, deshalb hab ich ARCOM gegründet - es war notwendig aufzustehen und zu rufen: Wir existieren, wir haben Rechte. Hätte ich das alleine gemacht, ich hätte keine Chance gehabt, es brauchte diesen Rahmen einer Organisation, um aktiv werden zu können. So sind wir auch mit Menschenrechtsgruppen in Kontakt gekommen, haben Allianzen gebildet, Öffentlichkeitsarbeit betrieben und soziale Medien genutzt, um auf die unmenschlichen Behandlungen aufmerksam zu machen."

Heute lebt Emmanuel Mbolela in Holland und kämpft als Aktivist für globale Bewegungsfreiheit und gerechten Handel. Irgendwann, so ist er sich sicher, wird er zurückkehren in den Kongo, um für die Freiheit seines Volkes zu kämpfen. Bis dahin lässt er als "Flüchtlingsbotschafter" sein Buch sprechen. Ein Buch, das einem Hochachtung vor dem Mut und der Menschlichkeit des Autors abringt, und bei dem man auf jeder Seite dankbar ist, dass man diese Flucht nur lesend durchleben muss.

17.06.2014

Service

Emmanuel Mbolela, "Mein Weg vom Kongo nach Europa. Zwischen Widerstand, Flucht und Exil", deutsche Übersetzung von Dieter Alexander Behr, Mandelbaum Verlag

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