Vater

Im Zentrum der vor Geschichte und Geschichten wuchernden literarischen Arbeiten Miljenko Jergovics steht stets die Frage nach dem Zerstörerischen von Nationalismus, Ideologie überhaupt. Das gilt auch für sein Buch "Vater", das er selbst als "Abschiedsessay" bezeichnet, als Abschied von seinem Vater, der vor wenigen Jahren verstorben ist.

Katja Gasser

Service

Miljenko Jergovic, "Vater", aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert, Schöffling & Co

Miljenko Jergovic kannte seinen Vater, einen angesehenen Arzt in Sarajevo, kaum: Seine Eltern ließen sich früh scheiden, das Kind blieb bei der Mutter und Vaters neue Frau wollte keinen Kontakt mit dem Nachwuchs aus erster Ehe.

Jergovic erzählt in diesem Buch, das eine wilde Mischung ist aus Autobiografie und politischem Essay, eindringlich davon, wie vielschichtig und verheerend sich Politisches auf Privates auswirken kann, wie sehr man Kind seiner Herkunft und Zeit bleibt trotz aller Emanzipationsbestrebungen, wie wichtig gerade deshalb das Bemühen um so etwas wie einen "freien Blick", letztlich davon, wie schwer es ist Mensch zu sein und zu bleiben unter Menschen. Jergovics Buch "Vater" ist ein äußerst lesenswertes, mit viel Witz und Ironie ausgestattetes Beispiel für Literatur, die getragen ist von gesellschaftspolitischer Dringlichkeit, dieser aber nicht die Präzision im Denken opfert und deshalb vielmehr ist als ein aktueller politischer Kommentar zum europäischen Zeitgeschehen.