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Kultur

Freie Gruppen fordern neue Kulturpolitik für Wien

Heute Vormittag sind Vertreterinnen und Vertreter zahlreicher Kulturinitiativen und Interessensgemeinschaften angetreten, um ihre Position zur und vor allem ihre Kritik an der aktuellen Wiener Kulturpolitik kundzutun. Zusätzlich zu den bereits bekannten Forderungen wurden auch pikante Fälle aus der Praxis geschildert und außerdem konkrete Protestmaßnahmen für die kommenden Wochen angekündigt.

Schon seit Jahren regt sich vor allem in den freien Gruppen Widerstand gegen undurchsichtige Förderpolitik und fragwürdige Vergabekriterien.

Von einer "völlig desorientierten Kulturpolitik der der Stadt Wien" war heute die Rede, von einem Kulturstadtrat, der nicht mit den Kunst- und Kulturschaffenden kommuniziere und von existenzbedrohenden Arbeits- und Lebensbedingungen. Zum Beispiel sei die Medienkunstförderung in den letzten zehn Jahren auf ein Fünftel reduziert worden, sagt die Medienkünstlerin Julia Zdarsky: "Viele in meinem Bereich arbeiten am Rande der Existenz." Ähnlich prekär laufe es im Bereich experimentelle Musik, berichtet Michael Fischer: "Wie kann man davon leben? Entweder, indem man private Ressourcen zur Verfügung hat, oder einen Lebenspartner, der die Kultur 'mitfinanziert'."

Förderungen im Großen und Kleinen

Schon im Vorjahr regte sich der Protest der freien Szene, als die Förderung für die Vereinigte Bühnen Wien um 4,9 auf 42 Millionen erhöht wurde. Völlig konträr dazu verlaufe das übliche Vergabeprozedere für freie Kunst- und Kulturprojekte, erzählte Lorenz Seidler von der Plattform "ESEL": "Man überlegt schon im Vorfeld, wieviel trauen wir uns einzureichen, und dann bekommt man den Bescheid, dass von den 10.000 Euro eingereichten Förderungen 1.500 genehmigt werden, aber nur unter der Bedingung, dass ich meinen Antrag nachträglich auf diese genehmigte Summe korrigiere."

Neu seien die Zustände freilich nicht, im Gegenteil: Das Prekariat, bekanntes Phänomen im Kunst- und Kulturbereich habe längst auf andere Berufsgruppen übergegriffen, meint Dokumentarfilmer Kurt Brazda: "Das, was wir in der Kunst seit Jahren oder sogar Jahrzehnten kennen, etwa Working Poor, ist nun in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Ich sehe da eine neue Kulturpolitik als Vorhut einer neuen Sozialpolitik."

Kulturpolitik neu

Wie so eine neue Kulturpolitik konkret aussehen kann? Es gehe um Dialogbereitschaft mit allen Künstlerinnen und Künstlern, um eine transparente Vergabepolitik und um die Förderung der Vielfalt statt der Subventionierung großer, kommerzieller Events. Der Protest gegen die städtische Kulturpolitik schwele seit 20 Jahren, allerdings, so die Theatermacherin Eva Brenner: "Wir haben protestiert, aber zu leise." Nun wolle man sich wieder stärker vernetzen und fordert von der Stadt geeignete Rahmenbedingungen, die die kontinuierliche künstlerische Arbeit in allen Sparten ermöglichen.

Konkrete Aktionen

Für die kommenden Wochen sind etliche Aktionen geplant, von einem "Aufstand der Zwerge" am Dienstagabend bis zur Diskussion "Wien, Hauptstadt der Arbeitslosen" am 24. September. Für 3. Oktober ist eine Demonstration für eine andere Kulturpolitik geplant. Schon am Montag lädt der Choreograf Daniel Aschwanden zu einer "Arbeitsdemonstration" am Friedrich-Schmidt-Platz, "um dem Kulturstadtrat, der offenbar den Kontakt zur Szene verloren habe, freundlich die Gelegenheit zu geben, sich der geleisteten Arbeit der Künstler zu vergewissern", wie es heißt. Ob er die Einladung annimmt, ist fraglich. Heute Vormittag war jedenfalls keiner der Adressaten anwesend.

01.09.2015

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