"KZ.imaginaire" im Wiener Off-Theater

Wie wirkt sich das Trauma des Nationalsozialismus und des Holocaust auf die nächste und übernächste Generation aus? Und wie beeinflusst dieses Trauma möglicherweise unseren Umgang mit gegenwärtigen Krisen? Diesen Fragen nähert sich das neue Musiktheater-Stück "KZ.imaginaire" (das eingebildete KZ) auf komödiantische und groteske Weise.

Der Wiener Theatermacher Ernst Kurt Weigel hat dazu aus Molières Klassiker "Der eingebildete Kranke" sowie aus Gedächtnisaufzeichnungen seines Großvaters, eines glühenden Kommunisten und KZ-Überlebenden, ein neues Stück gebaut. Inszeniert hat es Weigel gemeinsam mit seiner Ehepartnerin Grischka Voss. Die beiden leiten zusammen das Bernhard-Ensemble im Wiener Off-Theater. Dort hat "KZ.imaginaire" gestern Abend im Rahmen des Musiktheater-Festivals out of control seine Uraufführung erlebt.

Kulturjournal, 29.10.2015

Es sind Bilder, die der Großvater aus seiner Zeit in Dachau in die Familie hineinträgt: Zum einen echte Fotografien aus der Gefangenschaft, die er aus dem KZ herausgeschmuggelt hat, bevor sie die Lager-SS vernichten konnte; zum anderen Bilder des Grauens, die er in allen Details seinem Enkel beschrieb, den er oft in seiner Obhut hatte. Die daraus folgenden psychischen Verarbeitungsprozesse und Verdrängungsmechanismen finden sich als groteske Bühnenfiguren in Ernst Kurt Weigels "KZ.imaginaire" wieder.

Grischka Voss, Theaterleiterin und Tochter des verstorbenen Burgschauspielers Gert Voss, spielt diesen von der Vergangenheit geplagten Enkel, eine Figur namens Ernest, die Molières "eingebildetem Kranken" nachempfunden ist, mit Bärtchen und schwarzer Rokoko-Perücke. Er versucht einer psychischen Störung auf den Grund zu gehen, unter der er zu leiden glaubt. Seine nächste Umgebung ist ihm dabei keine große Hilfe: Der Geist des Großvaters, der als lebende Bronzestatue durch die Szenerie schwebt, ebenso wenig wie ein bemitleidenswerter Flüchtling, ein nervend optimistischer Psychotherapeut und ihre im Dirndl auftretende Tochter Autriche, die ihre Emotionen nicht ganz unter Kontrolle hat und sich in einen jungen Nazi verliebt hat.

Nicht nur den Hypochonder, auch diese eigenartige, slapstickhafte Familienaufstellung hat Autor und Regisseur Ernst Kurt Weigel von Molière übernommen.

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Off Theater - KZ.imaginaire

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