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Kultur

Preuss' Horváth-Debüt: "Kasimir und Karoline"

Stefanie Reinsperger und Rainer Galke spielen im Wiener Volkstheater "Kasimir und Karoline". Morgen hat Ödön von Horváths sozialkritisches Volksstück aus dem Jahr 1932 Premiere - in der Inszenierung des in Berlin ansässigen österreichischen Regisseurs Philip Preuss.

Morgenjournal, 16.3.2017

Katharina Menhofer

Ökonomische Krise wird zur privaten

Der Zeppelin fliegt, die Menschen jubeln. Auf dem Münchener Oktoberfest versuchen alle ihrem tristen Alltag in Zeiten der Wirtschaftskrise zu entkommen. Doch Kasimir, der gerade seinen Job als Chauffeur verloren hat, bleibt am Boden: "Das fliegen 20 Wirtschaftskapitäne, und herunten verhungern derweil einige Millionen - ich scheiß dir was auf deinen Zeppelin."

Die ökonomische Krise wird zur privaten - Karoline, Kasimirs Verlobte will sich amüsieren. Man trinkt, man flirtet, man streitet und entfremdet sich, und plötzlich eröffnen sich scheinbar ganz neue Möglichkeiten. Karoline will in der Gesellschaft aufsteigen.

Das System steckt in den Menschen

"Ich glaub schon, dass sie sich lieben, aber durch eine ökonomische Zentrifugalkraft werden die auseinandergeschleudert", sagt Regisseur Philipp Preuss. Er inszeniert zum ersten Mal Horváth und fasziniert: von der Sprache, von der Gesellschaftskritik, von dem so heutigen Egoismus der Figuren.

"In unserer Zeit" hat Horváth sein Volksstück angesiedelt, als hätte er es geahnt, dass Kasimir und Karoline zum aktuellen Dauerbrenner werden würde. "Nach der Krise ist vor der Krise", man habe das Gefühl, es sein eine Grundbedingung von unserem kapitalistischem System, so Preuss. "Bei Horváth ist es aber noch spannender, da er nicht Gesellschaftskritik von außen macht, sondern er sagt, dass das System in den Menschen selber ist, die aber so auch Opfer werden."

"Grundsituation der medialen Gesellschaft"

Auf der Bühne ein sich drehendes Labyrinth aus buntblinkenden Lichterschnüren, Videoeinspielungen und dazu permanente kitschige werden zum medialen Wald, in dem man sich leicht verirrt. "Dieses Oktoberfest ist so etwas wie Medien in architekturform. Man sieht auch, zu welcher Zeit es entstanden ist - die Freizeitgesellschaft und dass man Ferien vom Ich macht. Das ist inzwischen nicht nur im Oktoberfest und in allen Medien. Es ist so etwas wie die Grundsituation unserer medialen Gesellschaft."

Philipp Preuss hat zuletzt am Haus mit seiner "Romeo und Julia"-Inszenierung polarisiert, wo er die Hauptrollen auf je drei Schauspieler aufgeteilt hat. Am Leipziger Schauspielhaus hat er gar sieben Peer Gynts auf die Bühne geschickt. Und auch bei "Kasimir und Karoline" will er viel, fügt Texte hinzu, lässt Sätze wiederholen, unterstreicht und setzt gleichsam inszenatorische Rufzeichen. Ob das auch für die leiseren Horváthschen Zwischentöne geeignet ist, wird die morgige Premiere zeigen.

16.03.2017

Service

Volkstheater - Kasimir und Karoline

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