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Kultur
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Literarische Rundreise durch Litauen

Leipziger Buchmesse 23. bis 26. März 2017

Die Leipziger Buchmesse ist nach Frankfurt das zweitgrößte Branchentreffen im deutschsprachigen Raum. Rund 2.400 Aussteller stellen ihre Neuerscheinungen in diesem Jahr vor. Gastland ist Litauen - mit rund 100 Autorinnen und Autoren, mit Ausstellungen, Konzerten und Lesungen.

Eröffnung der Buchmesse

Der französische Autor Mathias Enard erhält den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung - für seinen Roman "Kompass", der von den Verflechtungen zwischen der europäischen und der orientalischen Kultur erzählt. "Morgenjournal", 23.3.2017

Kristina Pfoser

Im deutschen Sprachraum ist litauische Literatur bislang bestenfalls ein Geheimtipp. Man kann staunen, was es da alles zu entdecken gibt. Dass dieser interessante Messeschwerpunkt möglich ist, ist kleineren und kleinsten deutschsprachigen Verlagen zu verdanken.


Ex libris, 19.3.2017

Cornelius Hell

Von den großen Häusern präsentiert zwar Suhrkamp den Altmeister der litauischen Lyrik Tomas Venclova, auch ein glänzender Essayist, in einem Gesprächsband und der Residenz Verlag bringt mit "Fische und Drachen" von Undine Radzeviciute einen faszinierenden Roman, der mit einer Hälfte im China des 18. Jahrhunderts und mit der anderen in der unmittelbaren Gegenwart verankert ist, aber darüber hinaus haben sich die im gesamten deutschen Sprachraum bekannten Verlagsunternehmen auffällig zurückgehalten.

Was tut sich in Leipzig?

"Frühjournal", 22.3.2017

Kristina Pfoser

Europa 21: Kuratorin im Gespräch

Unter dem Motto "WIR in Europa - Wofür wollen wir einstehen?" sollen Kulturschaffende, Wissenschaftler und Akteure der Zivilgesellschaft ins Gespräch kommen. Programmiert hat den Schwerpunkt Esra Kücük. Sie spricht über die verschiedenen Aspekte unseres gesellschaftlichen Wandels. "Kulturjournal", 22.3.2017

Kristina Pfoser

Giedra Radvilaviciute

Der deutsche Corso Verlag hat jedenfalls sein Frühjahrsprogramm ganz auf Litauen ausgerichtet. Dort erscheint mit Giedra Radvilaviciute eine der interessantesten Autorinnen Litauens. In ihrer Heimat ist sie längst bekannt und wurde im Vorjahr mit dem Nationalpreis ausgezeichnet, in Amerika wurde sie in einer Anthologie "Best European Fiction" vorgestellt und auch in deutschsprachigen Literaturzeitschriften wurde sie mit Erfolg präsentiert.

Radvilaviciute schreibt keine Romane, sondern eine Prosa an der Grenze von Erzählung und Essay. Ihre Texte sind stark auf allen Ebenen: in den Gedanken, in der Erzählung und in der Wahrnehmung vieler kleiner Details. Im Band "Der lange Spaziergang auf einer kurzen Mole" streift eine Frau mit präziser Wahrnehmung, viel Ironie und der Weltliteratur im Kopf durch die litauische Hauptstadt Vilnius. Im Werk sind Autobiografie und Fiktion raffiniert miteinander verzahnt.

Die Texte des Bandes sind über einen langen Zeitraum entstanden, und so spiegeln sie Erfahrungen vom Kampf um die Wiedererlangung der Unabhängigkeit im Jahr 1990 bis fast zur unmittelbaren Gegenwart wider. Die Atmosphäre und die Wohnformen der Stadt Vilnius sind im Buch präsent - und ihre Veränderungen in den letzten Jahrzehnten erst recht.


Eugenijus Alisanka & Kestutis Navakas

Ist Giedra Radvilaviciute eine typische Vertreterin der litauischen Literatur? Mit dem Schreiben an der Grenze von Essay und Erzählung, von Autobiografie und Fiktion sehr wohl, und Elemente davon kann man auch in zwei anderen Neuerscheinungen zum Leipziger Messeschwerpunkt finden: Im Essayband "Risse" von Eugenijus Alisanka, der sich auch im deutschsprachigen Raum als Lyriker bereits einen Namen gemacht hat, und im Band "Die gelassene Katze" von Kestutis Navakas, der dem deutschsprachigen Lesepublikum zum ersten Mal vorgestellt wird.

Aber was ist schon typisch für die litauische Literatur? Die Literaturwissenschaftlerin Virginija Cibarauske: "Da der historische Diskurs in der Sowjetzeit starken Repressionen ausgesetzt und zensuriert war, entstand nach der Unabhängigkeit 1990 ganz natürlich ein Bedürfnis, das wiederherzustellen, was verloren gegangen war, und so wurde der historische Roman zu einem der populärsten Genres."

"Tula" von Jurgis Kuncinas

Und gerade das Genre historischer Roman ist am schwersten zu übersetzen und findet sich kaum in den Neuerscheinungen dieses Frühlings, da deutschsprachigen Leser/innen große Teile der mittelosteuropäischen Geschichte ziemlich fremd sind und es vieler Erklärungen bedürfte. Aber es gibt einen Roman, der in das Vilnius der späten Sowjetzeit und der ersten Jahre der Unabhängigkeit führt: "Tula" von Jurgis Kuncinas - der bedeutendste Roman dieses Autors, der nun endlich auf Deutsch vorliegt.

"Vilnius" von Laimonas Briedis

Und es gibt einen facettenreichen kulturgeschichtlichen Essay, in dem man viel über die Geschichte von Vilnius erfährt: "Vilnius - Reisen in die ferne Nähe" von Laimonas Briedis, der in Vilnius geboren ist und in Kanada studiert hat. Dieses Buch, das sein reiches Material so glänzend zu erzählen weiß, wie das im deutschen Sprachraum Karl Schlögel gelungen ist, zeigt Vilnius im Focus der europäischen Geschichte und reflektiert auch viele literarische Texte, etwa den Vilnius-Essay von Alfred Döblin.


Gedichte von Rimvydas Stankevicius

Die Lyrik wird im heutigen Litauen übrigens in der Mehrzahl von Männern geschrieben, während die Prosa eher in Frauenhand ist. Einer der bekanntesten Poeten ist Rimvydas Stankevicius, von dem zur Leipziger Buchmesse der Band "die allereinfachsten zaubersprüche" erscheint. Es ist der einzige Band eines litauischen Lyrikers, der in diesem Frühjahr auf Deutsch erscheint.

Aber es gibt noch eine Anthologie mit Lyrik und Prosa sehr junger Autorinnen und Autoren, und einen Band, in dem deutsche Lyriker einige litauische Lyriker nachgedichtet haben.

19.03.2017

Service

LCI - Litauen in Leipzig
Leipziger Buchmesse - 23. bis 26. März 2017

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