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Swetlana Alexijewitsch zu Gast im Waldviertel

Das zweitägige Literaturfestival "Literatur im Nebel" findet seit zehn Jahren in Heidenreichstein im nördlichen Waldviertel statt. Heuer, bei der ersten Ausgabe im Frühjahr, ist die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch Ehrengast, die 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde.

Seit über 30 Jahren erforscht sie was Kriege und Katastrophen wie Tschernobyl in den Seelen und Gefühlen unterprivilegierter Menschen anrichten. Sie verleiht Menschen eine Stimme, die keine haben.

Mittagsjournal, 18.3.2017

Sabine Oppolzer

Historikerin der Seele

Die Menschen, denen Svetlana Alexijewitsch in ihren Büchern eine Stimme verleiht, muss sie nicht suchen. In jedem Haus gibt es jemanden, in dessen Familie jemand im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, der in Stalins Lagern gesessen hat oder der durch den Reaktorunfall in Tschernobyl zu Schaden gekommen ist. Diese Stimmen vereint Alexijewitsch in ihren Büchern zu großen Collagen, die ein vielfältiges Bild ihrer Epoche abgeben. Sie sei keine Historikerin, sagt Alexijewitsch, sie sei eine Historikerin der Seele und der Gefühle.

"Der Kalte Krieg hat schon begonnen"

Momentan leben wir in einer barbarischen Zeit, in der Kriege wieder als Methode gesehen werden, weltpolitische Probleme zu lösen. Putin rüste seit einiger Zeit massiv auf, wie Alexijwitsch sagt. Die Erträge aus dem hohen Ölpreis habe er in die Rüstung gesteckt und setze das nun fort. Er militarisiere auch das Bewusstsein der Menschen und indoktriniere etwa die Buben in der Schule mit kriegerischen Parolen. "Der Kalte Krieg hat schon begonnen", sagt Alexijewitsch.

"Welt in den Händen von zwei Verrückten"

Weil Putin wieder auf Nationalismus setzt, lesen die Intellektuellen in Russland derzeit Bücher über Deutschland in den 1930er Jahren, sagt Alexijewitsch. Sie sehen Parallelen zwischen damals und heute und haben Angst, dass diese Zeiten wiederkommen. Sie hofft, dass Putin und Trump, deren Beziehung als große Freundschaft begann, nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, denn sonst würde die Welt in den Händen von zwei Verrückten enden, meint Alexijewitsch.

Demonstrationen in Weißrussland

Bezüglich der aktuellen Demonstrationen in Weißrussland macht sich Alexijewitsch keine Illusionen: Dieser Tage wurden schon die ersten Demonstranten verhaftet. Und 3.000 Demonstranten machten noch keine Revolution - da müssten schon Hunderttausende auf die Straße gehen. Begeistert von der Demokratie sei in Weißrussland aber nur die Jugend, die normalen Bürger hätten viel zu viel Angst vor den Unruhen.

Außerdem, sagt Alexijewitsch, habe sie die Perestroika der 1990er Jahre eines Besseren belehrt: Sie habe diese romantischen Ideen verloren, denn man könne nicht ein Leben lang in einem totalitären Staat verbringen, das alles mit einem Mal abschütteln und in einer Demokratie leben. Der Weg in die Freiheit sei lange und sei noch lange nicht erreicht.

18.03.2017

Service

Literatur im Nebel - 17. bis 18. März 2017
Swetlana Alexijewitsch

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