Klettern auf einem gelben Container

ORF/ MIRELA JASIC

Aber sicher!

Ö1 sucht für den diesjährigen Wettbewerb literarische Texte in deutscher Sprache, die sich im weitesten Sinne mit dem Thema "Sicherheit" auseinandersetzen.

"Sicherheit" ist eines der zentralen Themen unserer Gesellschaft. Von der Datensicherheit über die Betriebssicherheit, die Sicherheitspolitik, die Verkehrssicherheit und die Sicherung des persönlichen Eigentums bis hin zum Safer Sex gibt es fast nichts, das nicht mit dem Schlagwort "sicher" attraktiver, beruhigender, besser und auch teurer gemacht werden kann.

Es gibt in fast allen Metropolen dieser Welt "sichere" und "unsichere" Viertel – mit den entsprechend unterschiedlichen Miet- und Grundstückspreisen. Versicherungen zählen zu den Big Players in der weltweiten Finanzwirtschaft, und versichert werden kann so ziemlich alles, bis hin zum eigenen Leben. (Was die interessante Frage der Ersetzbarkeit aufwirft, eine Grundsatzfrage jedes Versicherungsgedankens.)

Allein schon das Durchzählen eines beliebigen Werbeblocks im Fernsehen offenbart eine erstaunliche Anzahl an Produkten, die mit dem Sicherheitsaspekt werben. Was bei einem "Sicherheitsgurt" noch naheliegend ist, eröffnet bei einem "Sicherheitsschloss" schon die Frage, was dessen Gegenteil sein könnte.

Hygieneprodukte vor allem für Damen versprechen "Sicherheit den ganzen Tag", und suggerieren sehr viel mehr als nur den Schutz vor eventuell peinlichen kleinen Situationen. Wir alle wollen behaglich und sicher leben, oder sagen wir: fast alle wollen es. Denn die hartgesottenen SurvivaltrekkerInnen und KriegsgebietsjournalistInnen sind in unserer Gesellschaft eher in der Minderzahl.

Zugleich steht die Idee der Sicherheit dem Wunsch nach Freiheit diametral entgegen. Staatliche Überwachungssysteme, die vor terroristischen Angriffen schützen sollen, gefährden zugleich die individuelle Freiheit. Umgekehrt ist das, was Politiker gern als berechenbares kollektives Risiko beschreiben – wie zum Beispiel die statistische Wahrscheinlichkeit eines atomaren Unfalls - für eine große Zahl an BürgerInnen eine unwägbare und daher zu vermeidende Unsicherheit. Und auch das Worldwide Web stellt uns vor die Frage, wo die digitale Freiheit enden sollte, um die digitale Überwachbarkeit zu begrenzen. Denn die Aussage, man habe nichts zu verbergen, zeugt weniger von sicherem Lebensgefühl, als von mangelndem Bewusstsein für die verletzlichen eigenen Bürgerrechte.

Das Thema "Sicherheit" bietet also wie kaum ein anderes eine Vielzahl von Ansatzpunkten zur Auseinandersetzung. Es umfasst den privaten Bereich ebenso wie den politischen, und ist ein entscheidender Parameter zur Analyse und Darstellung gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse.