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Das Tunnelmuseum von Sarajevo

Ein schmaler Tunnel verband im Bosnien-Krieg die belagerte Stadt Sarajevo mit der Außenwelt. Heute befindet sich darin ein Museum - die Erhaltung bleibt privaten Initiativen überlassen.

Mittagsjournal, 14.4.2017

Mirko Schwanitz

Angesichts der weltweiten Konflikte, der Kriege in Syrien und der Ostukraine ist ein anderer Krieg bereits in Vergessenheit geraten: Vor 25 Jahren begann in Bosnien-Herzegowina ein Krieg, der bisher als der größte in der Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. Laut einer Studie vom Zentrum für Forschung und Dokumentation in Sarajevo wurden in diesem Krieg fast 100.000 Menschen getötet, die Hälfte von ihnen Zivilisten, die Mehrheit von ihnen Bosniaken.

Orte der Erinnerung fehlen

Überall im Land sind bis heute die Wunden sichtbar, die dieser Krieg gerissen hat. Und bis heute tun sich die Politiker des in zahlreiche Kantone zersplitterten Landes schwer, wie mit der Erinnerung an diesen Krieg umzugehen ist.

Mit Ausnahme von Friedhöfen wie in Srebrenica fehlen bis heute zentrale Orte der Erinnerung. Orte, in denen das Geschehene aufgearbeitet und einer kritischen Bewertung unterzogen wird. Opferverbände beklagen auch 25 Jahre nach dem Krieg das völlige Fehlen einer Erinnerungskultur, die die nachfolgenden Generationen über die Ursachen und Folgen dieses blutigen Krieges aufklärt. Wohl auch, weil dann Opfer und Täter genau benannt werden müssten.

Und so bleibt es zumeist privaten Initiativen überlassen, solche Orte zu schaffen und zu erhalten. Ein Besuch an einem solchen Ort.

Ein Haus rettete 300.000 Menschen

Butmir am Morgen. In dem kleinen Vorort von Sarajevo steht noch immer ein Haus, an dessen Fassade die Spuren des Krieges nicht getilgt sind. Es wirkt wie ein Fremdkörper zwischen all den herausgeputzten Einfamilienhäusern in der Nachbarschaft. "Wir stehen hier vor dem Haus meiner Familie", sagt Edis Kolar. "Diesem Haus verdanken die Menschen von Sarajevo ihr Überleben, ungefähr 300.000 Menschen."

Drei Jahre war Sarajevo von serbischen Truppen eingekesselt. Eine Belagerung, die nur mit Hilfe eines Tunnels durchbrochen werden konnte. "1993 begann der Bau des Tunnels im Keller unseres Hauses", erinnert sich Kolar. "Butmir wurde von der bosnischen Armee gehalten. Hier gab es Essen, Medikamente, auch Waffen. Aber wir brauchten einen Weg, um das alles in die Stadt zu schaffen."

Behörden verweigern Unterstützung

Nach dem Krieg richtete die Familie in ihrem Haus ein Museum ein. Viele Jahre verweigerten die bosnischen Behörden ihm jede Unterstützung. Und so sind heute nur noch 25 Meter des Tunnels erhalten. Im Keller sieht man Schienen, die ins Dunkle führen. Stumm steht eine Frau vor den Loren, die man noch immer schieben kann. Sie stammt aus Prijedor, hat das serbische Vergewaltigungslager Omarska überlebt. Seit 2002 lebe sie nun wieder in ihrer Heimatstadt.

Nusreta Sivac: "Ich wohnte zuerst bei meinem Bruder. Mein Haus hatte sich eine ehemalige serbische Kollegin angeeignet. Als es mir gelang, sie aus meinem Haus herauszuklagen, hat sie die Möbel zerstört, selbst die Toilette herausgerissen. Nachdem das Haus wieder mir gehörte, hat jemand über die Eingangstür ein Wort gesprüht: Omarska."

"Man begann, die Geschichte zu fälschen"

Die Kolars hören in ihrem Museum immer wieder solche Geschichten. Die Leute, sagen sie, erzählten sie hier, weil es in Bosnien nur wenige Orte der Erinnerung gibt wie ihr kleines Museum. Aus dem Wohnzimmer dringt der Ton eines Videos über den Bau des Tunnels. Fotos berühmter Reporter, Karten, Zeitungsauschnitte.

Ein Mann beugt sich über ein altes Gästebuch und erzählt: "Mein Sohn war 13 Jahre, als ich ihn zum ersten Mal mit zu einem Massengrab mitnahm. Das hätte ich niemals gemacht, wenn ich nicht bemerkt hätte, dass man begann, die Geschichte zu fälschen und aus den Schulbüchern historisch belegte Bezeichnungen gestrichen wurden. Begriffe wie 'Tschetnik', 'Aggression' oder 'blutige ethnische Säuberung'."

"Damit es sich nicht wiederholt"

Aus einer fehlenden Erinnerungskultur würde so eine politisch sanktionierte Verdrängungskultur, meint der Mann. Doch wo die Wahrheit verdrängt, wo die Geschichte in Schulbüchern gefälscht wird und wo es nicht genügend Geld gibt für Orte der Erinnerung, brauche es dringend solcher Erinnerungsorte wie unser Museum, meint Edis Kolars Vater Bairo: "Dieser Tunnel ist unsere Nachricht an die Welt, vor allem aber an Bosnien-Herzegowina, damit sich das, was hier geschehen ist, nicht noch einmal wiederholt", sagt Bairo Kolar.

14.04.2017

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