Standort: oe1.ORF.at

Kultur
Kultur

Dokumentarfilm "Seeing Voices"

Rund 10.000 Menschen in Österreich gelten als gehörlos, eine Minderheit, in deren Kultur und Lebensweise der österreichische Dokumentarfilm "Seeing Voices" eintaucht. Regisseur Dariusz Kowalski zeigt dabei nicht nur Probleme auf, sondern auch, dass Gehörlose trotz ihrer Beeinträchtigung in vielen Lebenssituationen unbeschwert ihren Alltag bewältigen können.

Morgenjournal, 19.4.2017

Arnold Schnötzinger

Kann der kleine Emil hören, oder ist er wie seine Eltern gehörlos? Es sind Wochen der Ungewissheit, die auf einer österreichischen Jungfamilie lasten, denn so eindeutig lässt sich eine Diagnose im Babyalter nicht erstellen. Mit einer kleinen Spannungsdramaturgie inszeniert der aus Polen stammende und in Österreich lebende Regisseur Dariusz Kowalski den Fall des kleinen Emil.

Zwischen Beruf und Disco

Doch die Medizin ist nur ein Aspekt des Films "Seeing Voices", der versucht die Lebenssituation von Gehörlosen aus verschiedenen Perspektiven aufzuzeigen, vom Erwerb der Gebärdensprache bis zu Bildungsfragen und Berufsaussichten, von zwangloser Freizeitgestaltung in der Disco bis hin zur Arbeit der gehörlosen Grün-Parlamentarierin Helene Jarmer. Die Gebärdensprache war auch für Regisseur Kowalski der Schlüssel für seinen Film: "Ich habe ein Jahr lang selbst die Gebärdensprache erlernt, und im Zuge dessen habe ich mir auch diese Community erschlossen."

Musik für Gehörlose

Und so taucht der Kinozuseher selbst in diese Community ein, kann erleben wie sich Musik sehr wohl auch für Gehörlose über Bass-Vibrationen oder Bewegungsrhythmen in einem Tanzkurs materialisieren lässt oder wie eine junge Frau türkischer Abstammung eine Lehre als Schneiderin beginnt. Damit die Kommunikation gelingen kann, müssen auch Hörende dazu lernen, etwa beim Sprechen verstärkt mit Gesten zu arbeiten.

Identitätsbildung und Sprachprobleme

Dass die Sprache auch bei Gehörlosen zentral ist für die Identitätsbildung, arbeitet der Film deutlich heraus. Ein wunder Punkt, denn 70 bis 80 Prozent der Betroffenen in Österreich haben Defizite sowohl in Deutsch als auch in der Gebärdensprache. Mit ein Grund dafür ist, dass die Gebärdensprache in Österreich lange Zeit verboten und bis in die 1970er Jahre verpönt war.

Dariusz Kowalski: "Man hat die sogenannte orale Methode favorisiert, d.h. gehörlose Menschen wurden auch zum Lippenlesen und zum Sprechen gezwungen." Für Kowalski ergibt sich aus den Sprachproblemen auch eine politische Forderung: "Gehörlose brauchen vor allem einen gleichwertigen Zugang zu Bildung und nicht eine Sonderschule. Sie sind ja nicht lernschwach."

Exakte Film-Untertitelung

Der Film "Seeing Voices" verschweigt Probleme bei der sogenannten Inklusion von Gehörlosen nicht, verbreitet aber ein positives Grundgefühl jenseits von Mitleidsgesten und Opferrollen. Das Ganze übrigens barrierefrei für Gehörlose, durch exakte Untertitelung auch von Vogelgezwitscher, Nähmaschinen- oder Straßengeräuschen.

19.04.2017

Mehr dazu auf oe1.orf.at

Übersicht: Alle ORF-Angebote auf einen Blick