Hippies aus dem Jahr 1967

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Diagonal zum Jahr 1967. Als alles begann

1967 wurden in Österreich die Radiosender Ö1 und Ö3 neu gegründet, im selben Jahr aber auch in England die BBC-Sender "Radio 1" und "Radio 4". 1967 ist auch das Gründungsjahr des "Rolling Stone" - der Musikzeitschrift, die seither nicht nur über Musik, sondern auch die damit transportierte Kultur und das Lebensgefühl berichtet.

Das kann ja wohl kein Zufall gewesen sein?

Am 30. September 1967 setzte die BBC ihre Radioflotte neu auf – BBC 4 wurde das Kultur- und Inforadio, BBC 1 das neue Popradio. Und am Tag darauf geschah Ähnliches in Österreich: die Programme Ö1 und Ö3 gingen on air. Vorhergegangen war ein Volksbegehren, das von den großen Tageszeitungen des Landes initiiert worden war und das den ORF vom unmittelbaren Einfluss der politischen Parteien befreien sollte. Eine absolute Neuheit auf dem Infosektor waren die Journale – das einstündige Mittagsjournal war damals sowohl in Ö1 als auch Ö3 zu hören. Und vor allem das letztere Programm markierte eine kulturelle Wende. In England hatten die jungen Hörer ihre Musik immer mehr auf Piratenradios wie Radio Caroline gefunden – BBC 1 war die Antwort auf diese neue Popkultur. So wie auch Ö3, das damals weitaus weniger Pop-Mainstream war als heute – vor allem die "Musicbox", von Montag bis Freitag zwischen 15.03 und 16.00 zu hören, war ein Ort der Irritation und Innovation. Viele der damaligen und späteren "Musicbox"-Redakteure haben übrigens im Lauf der Zeit den Weg zu Ö1 gefunden, darunter auch der Verfasser dieser Zeilen.

Interview mit Ernst Grissemann, Peter Machac, Andre Heller, Peter Rapp und Frank

Im Jahr 1967 war die Nachkriegszeit endgültig zu Ende. Der "Baby-Boom" hatte dazu geführt, dass die westlichen Gesellschaften jünger wurden, und der wirtschaftliche Aufschwung hatte auch die junge Generation erreicht. Sie konnte sich Kleidung und Schallplatten kaufen, was beiden Branchen zu einem enormen Aufschwung verhalf. Mary Quant und die Mode des "Swinging London" gaben den Trend an, und als das unter dem Namen "Twiggy" bekannt gewordene Model im März 1967 in den USA eintraf, widmete ihr das Magazin New Yorker ganze 100 Seiten.

Designerin Mary Quant

Die Erfinderin des Minirocks, Mary Quant (rechts außen), posiert mit ihren Models, (von links nach rechts) Amanda Tear, Rory Davis und Penny Yates

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Einen Monat später, im April 1967, gewann Sandie Shaw den Eurovision Song Contest in der Wiener Hofburg – bei ihrem Auftritt war sie barfuß und trug ein Minikleid. Im Jahr 1967 überstieg erstmals der Verkauf von Langspielplatten jenen der Hitsingles – auch ein Hinweis auf die größere Kaufkraft der Jungen. Wobei sich die LPs auch immer mehr zu Konzeptalben entwickelten: Am 1. Juni 1967 erschien mit "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" das achte Album der Beatles, und danach war Pop anders als zuvor. Die Platte war ein Gesamtkunstwerk, musikalisch und textlich anspruchsvoll, die einzelnen Stücke weit länger als die bisher üblichen drei Minuten. Und zum ersten Mal wurden die Texte der Lieder auf der Plattenhülle abgedruckt – ein Zeichen dafür, dass es sich um Lyrik, um Kultur handelte, nicht bloß Unterhaltung.

Das gestiegene Selbstbewusstsein der jüngeren Generation drückte sich auch politisch aus: Im Zeichen des Vietnamkriegs propagierte die Hippie-Bewegung in den USA das Peace-Symbol, und die Proteste gegen den Krieg eskalierten landesweit. In Deutschland wollte die frisch gegründete Kommune 1 den US-Vizepräsidenten Hubert Humphrey mit Pudding bewerfen; bei einer Demonstration gegen den Schah von Persien am 2. Juni 1967 wurde der Student Benno Ohnesorg von der Polizei erschossen. Damit begann die Radikalisierung der Studentenbewegung, was das Land bis zu den Anschlägen der Roten Armee Fraktion in den 1970er und ’80er Jahren beschäftigen sollte. Lange wirkende Folgen hatte auch der Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten – die Grenzen von 1967, hinter die sich Israel zurückziehen müsste, sind in der Nahostpolitik bis heute aktuell.

Die Student/innen-Gruppe der Kommune 1

Die Student/innen-Gruppe der Kommune 1 (von links nach rechts): Dieter Kunzelmann, Dorothea Ridder, Fritz Teufel, Dagmar Seehuber, Ulrich Enzenberger and Hans Joachim Hameister.

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Das tönende Diagonal-Kaleidoskop zum Jahr 1967 erstreckt sich also von der Mode zur Weltpolitik, von den Hippies in San Francisco zu den sogenannten Rassenunruhen in Detroit und von der in Brasilien aufpoppenden Tropicalia-Bewegung bis zum Militärputsch in Griechenland.

Text: Peter Lachnit, Leiter der Redaktion Diagonal

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