Halina Reijn und Jude Law

Jan Versweyveld

"Obsession" - Hey Jude …

Jude Law - britischer Schauspieler ("Unterwegs nach Cold Mountain" und "Der talentierte Mr. Ripley") war Mittwochabend im Rahmen der Wiener Festwochen als Theaterschauspieler zu erleben: in "Obsession" nach dem ersten Film von Luchino Visconti, das der belgische Regisseur und Leiter der Toneelgroep Amsterdam für die Bühne bearbeitet hat. Die Geschichte von zwei Liebenden am Rande der Gesellschaft basiert auf dem Klassiker von James M. Cain "Wenn der Postmann zweimal klingelt".

Morgenjournal, 1.6.2017

Katharina Menhofer

"Obsession" ist eine der wenigen reinen Theaterproduktionen in einem performancereichen Festival, die Vorstellungen waren als erste ausverkauft. Wer gekommen ist, um Jude Law zu sehen, kam auf seine Rechnung: Jude Law mit nacktem Oberkörper, Jude Law schwitzend am Laufband, in der Unterhose beim Rasieren, rauchend, Mundharmonika spielend, kopulierend.

Jude Law, Halina Reijn

Jan Versweyveld

Jude Law und Halina Reijn

Stilistisch interessant, aber unterkühlt

Wer gekommen ist um eine packende leidenschaftliche Dreiecksbeziehung mit tragischem Ende und tief gehenden Dialogen zu sehen, kam nicht auf seine Rechnung. Aber eine solche zu erzählen lag vermutlich auch gar nicht in der Absicht des Regisseurs, der eine stilistisch interessante, aber höchst unterkühlte Regiearbeit vorlegt.

Und das - obwohl es vor allem um eines geht - um Leidenschaft. Die lodert binnen Sekunden auf - zwischen dem Vagabunden Gino und Hanna, der Frau eines Barbesitzers und endet tragisch. Der Gatte wird umgebracht, aber die gemeinsame Schuld reicht noch lange nicht fürs ewige Glück.

"La Traviata" füllt Gefühlsleerstellen

In einer Stunde und 40 Minuten deutet Ivo van Hove alles an. Das naturalistische aber höchst verlangsamte Spiel der Schauspieler wird immer wieder gebrochen, durch Gesangs- und Tanzeinlagen, durch unerwartete Ausbrüche, wenn etwa drei volle Mistsäcke auf der Bühne geleert werden oder durch die Flucht am Laufband, die naturgemäß nicht gelingen kann.

Die Bühne ist karg - in der Mitte hängt das Innenleben eines Autos, manchmal rauchend, röhrend und Öl spritzend, und am Schluss eindrucksvoll akustisch explodierend, ein Akkordeon spielt ohne Spieler vor sich hin, auf der kargen Bar liegt ein Stück rohes Fleisch.

Die Gefühlsleerstellen, die durch die banalen Dialoge entstehen, füllt van Hove mit Opernarien - bevorzugt "La Traviata" und die Projektionen der Gesichter in Großaufnahme erinnern daran, dass Visconti die filmische Vorlage geliefert hat.

Jude Law: "Regisseure sind Maler, wir deren Farbe"

"Obsession" erinnere ihn an eine griechische Tragödie, so Ivo van Hove. Die Protagonisten wollen verzweifelt ihr Leben verändern und ausbrechen und es gelingt doch nie. Diese Mischung aus Utopie und Verzweiflung habe ihn interessiert. "Die Regisseure sind die Maler, und wir sind nur die Farbe auf deren Palette", sagt Jude Law bescheiden, vielleicht aber auch um nicht zur Verantwortung gezogen zu werden, für eine Produktion, die schon in Amsterdam und London die Kritiker eher ratlos zurückgelassen hat.

Der Regisseur selbst erschien nicht zum Schlussapplaus, den das Publikum den Schauspielern wohlwollend spendete. Eines zumindest konnte sich jeder von der Premiere mitnehmen - ein verwackeltes Handyfoto von Jude Law beim Verbeugen.

Wiener Festwochen - Obsession

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