Jonathan Meese

APA/GEORG HOCHMUTH

Jonathan Meese: "Man muss die Oper radikalisieren!"

Seine Malerei ist expressiv und erinnert streckenweise an den spontanen Kreativausbruch eines Kleinkinds. Doch Jonathan Meeses grelle Farbexplosionen sind nicht so harmlos, wie sie auf den ersten Blick wirken. Sie verweisen auf deutsche Mythen und Symbole und sind gespickt mit kryptischen Zitaten und Anspielungen.

Intermezzo, 4.6.2017

Jonathan Meese im Gespräch mit Christine Scheucher

Mittagsjournal, 3.6.2017

Vorbericht "Mondparsifal
Gernot Zimmermann

2016 hätte Jonathan Meese den "Parsifal" in Bayreuth inszenieren sollen. Für Meese, der sich seit den späten 1990er Jahren an Wagners Mythen abgearbeitet hat, ging ein Lebenstraum in Erfüllung. Dementsprechend groß war die Empörung, als Katharina Wagner sein Engagement im November 2014 kündigte. Offiziell hieß es, der Künstler habe mit seinen Vorstellungen das Budget gesprengt. Ein Argument, das Meese bis heute in Rage versetzt.

"'Parsifal' geht weiter", sagte der Künstler nach der Absage, "Ich mache ‚Parsifal‘-Gedichte und ich male auch weiter 'Parsifal'-Bilder. Ich beschäftige mich aber auch mit den anderen Opern von Richard Wagner. Man muss die Oper als Handlanger von politischen Systemen beenden. Die Oper muss sich wieder einmal radikalisieren! Bayreuth ist ja tot. Das Programm bis 2020 ist ja ein Todesurteil für den Laden."

Klamauk trifft Pathos

Nach der viel diskutierten Absage der Bayreuther Festspiele hat Festwochen-Intendant Thomas Zierhofer-Kin Jonathan Meese eingeladen, ein großes Parsifal-Projekt zu entwickeln. Musik und Libretto stammen vom oberösterreichischen Komponisten Bernhard Lang, Meese führt Regie und zeichnet für Kostüm und Bühnenbild verantwortlich. Die Wiener Festwochen haben nicht weniger als die Neuerfindung des historischen Opernrepertoires im Sinn und versprechen "Musiktheater für Zukunftsforscherinnen".


Komponist Bernhard Lang mit Jonathan Meese im Studio

Jan Bauern / Courtsey by Jonathan Meese

Jonathan Meese verlegt den Stoff, aus dem deutsche Mythen gestrickt sind, ins Weltall, schießt Parsifal in seiner Inszenierung gewissermaßen auf den Mond. Die Gralsritter betreten die Bühne als Raumschiff-Enterprise-Crew, Parsifal, der reine Tor, der ob seiner kindlichen Unbefangenheit zum Erlöser wird, erscheint als effeminierter Softie, der im ersten und zweiten Akt ungelenk über die Bühne stolpert. Im knappen Trikot erinnert er an eine Mischung aus Freddy Mercury und Science-Fiction-Held. Dargestellt wird Parsifal vom deutschen Countertenor Daniel Gloger, der seine Stimme in ungeahnte Höhen schraubt und seinem Körper markerschütternde Töne entlockt.

Meeses Antwort auf Richard Wagners Bombast hat etwas hysterisch Überreiztes. Man kennt diese Methode der Brechung und Überschreibung aus Jonathan Meeses Malerei und auch aus seinen Performances: Nationale Symbole wie das Eiserne Kreuz gehören zum visuellen Standardvokabular des Künstlers. Genauso wie eine martialische Rhetorik: Meese spricht von der Machtergreifung der Kunst, der Diktatur der K.U.N.S.T., sein Berliner Studio bezeichnet er als Hauptquartier.

Zieht Meese dem Dämonischen den Stachel, indem er es verzerrt, persifliert, entweiht? Meeses Umgang mit der deutschen Geschichte polarisiert, streckenweise kann man sich tatsächlich nicht des Eindrucks erwehren, dass Meeses Erinnerungsarbeit trotz künstlerischer Brechung auch von einer gewissen Faszination für das Monströse getragen wird.

Jonathan Meese im Bühnenbild von MONDPARSIFAL ALPHA

Jan Bauern / Courtsey by Jonathan Meese

Die Faszination für das Monströse

In seinem "Mondparsifal" wirft Jonathan Meese die große Zitatmaschine an, verwurstet deutsche Mythen, Symbole und Narrative, lässt Trash auf Hochkultur treffen, Klamauk auf Pathos. Der deutsche Größenwahn, der im Wagnerschen Kunstuniversum schon allein aufgrund seiner ideologischen Instrumentalisierung mitschwingt, wird entweiht, kippt ins Groteske, wird ein Stück weit der Lächerlichkeit preisgegeben. Dennoch ist der "Mondparsifal" auch eine Liebeserklärung an Richard Wagners Gesamtkunstwerk. Der Enthusiasmus ist groß, die Fallhöhe ist es auch.

Service

Wiener Festwochen – Mondparsifal Alpha 1-8 (Erzmutterz der Abwehrz)
Galerie Krinzinger - Jonathan Meese. Bis 2. Juli 2017

Gestaltung

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