Neo Rauch mit Regisseurin Nicola Graef

Alexander Rott

Im Universum Neo Rauchs

Neo Rauch zählt zu den erfolgreichsten deutschen Künstlern, gilt aber als ausgesprochen medienscheu. Die Dokumentation "Neo Rauch - Gefährten und Begleiter" dringt jetzt in die heiligen Hallen seines Leipziger Ateliers vor.

Mittagsjournal, 7.6.2017

Wolfgang Popp

Mythos und Pop-Kultur

Seine Bilder heißen "Warten auf die Barbaren", "Der Bewunderer" oder "Gummiland". In ihrer Ästhetik und den gedeckten Farben lassen sie an alte Drucke aus Sagenbüchern denken, die Figuren scheinen aber aus allen Richtungen zusammen zu kommen. Aus Mythos und Realität, aus DDR-Zeiten und aus der Pop-Kultur. Dabei wirken sie allesamt wie in sich gekehrte Schlafwandler.

"Das ist mir wichtig, dass es nicht zu direkt zugeht in der Interaktion, dass es keine verschwitzten Realismen gibt, sondern Momente von Zögerlichkeit, von Zaghaftigkeit, und introspektiver Gebremstheit", sagt Neo Rauch im Film und man sieht ihn vor einer seiner großformatigen Leinwände stehen, Farbflächen verteilen und dann langsam und ohne Vorskizzen, die Gesichter seiner Figuren entwerfen.

Übergriffige Figuren

Fast wie ein Schriftsteller, erzählt Rauch, erfinde er seine Geschichten, und genau wie bei einem Schriftsteller würden auch ihn seine Figuren nicht loslassen. "Ja, die lassen mich einfach nicht schlafen, das ist einfach eine penetrante Gefolgschaft dann, das ist mitunter ziemlich übergriffig, was da geschieht."

Alte Freunde und kranke Bilder

Immer wieder spürt man die Zurückhaltung Neo Rauchs, Außenstehende in sein Universum, das Atelier in der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei, einzulassen. Anders als andere Kunststars seiner Größenordnung beschäftigt Rauch auch bis heute keine Assistenten. Hat er Probleme mit einem Bild, tauscht er sich mit seiner Frau, der Malerin Rosa Loy, oder mit seinem Galeristen Gerd Lybke, einem Freund seit Studententagen aus.

Gerd Lybke: Ich hätte gar nicht gedacht, dass es klappt.
Neo Rauch: Das war ein krankes Bild.
Gerd Lybke: Ja, ist gut jetzt.

Woher die dunklen Schatten kommen

Regisseurin Nicola Graef setzt sich zwar nicht selbst ins Bild, ihre Fragen sind aber zu hören. Ruhig aber bestimmt schneidet sie da auch die neuralgischen Punkte in Neo Rauchs Leben an - wie etwa den frühen Tod der Eltern. Die waren bei einem Zugunglück ums Leben gekommen, als Rauch keine fünf Wochen alt war.

Nicola Graef: Wie sind Sie mit dem frühen Tod Ihrer Eltern umgegangen?
Neo Rauch: Ja, das war natürlich die Katastrophe, die sich als dunkler Film über die ganze Familie gelegt hat und die mich wahrscheinlich bis auf den heutigen Tag auch schattiert. In meinem Gemüt ist dieser dunkle Film immer noch anwesend.


Beachtlich ist die Intensität dieser Gespräche, die Ruhe und aufrichtige Neugier mit der Nicola Graef es schafft, den öffentlichkeitsscheuen Neo Rauch zu knacken. Dass sie darüber hinaus auch rund um die Welt gefahren ist, um Sammler von Rauchs Bildern zu interviewen, hätte es da gar nicht gebraucht. Mehr Neo Rauch und weniger Gefährten und Begleiter hätten aus dem stellenweise hochinteressanten einen durchwegs stimmigen Film gemacht.

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