Saxophonist Peter Brötzmann

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1967: Ein Jazzjahr der Übergänge

Der frühe Tod von Saxofonist John Coltrane war das wohl markanteste Ereignis des Jazzjahrs 1967. In Deutschland sorgte der Free Jazz für heftige Diskussionen, in Österreich mutierte Friedrich Gulda zum Wienerlied-Sänger.

Zuweilen ist es doch reizvoll, einen "externen" Fokus auf die Geschichte zu werfen, um nicht immer bei den gleichen Jahreszahlen, Jubiläen, Ereignissen stehen zu bleiben. Im Rahmen des Ö1-Schwerpunkts "Baujahr '67" nehmen die Jazzredaktionen von Ö1 und Westdeutschem Rundfunk in bewährter länderübergreifender Kooperation das Jahr 1967 und seine Bedeutung für die US-amerikanische und die europäische Jazzszene unter die Lupe.

Keine Schallplattenmeilensteine

Und schon bei näherem Hinsehen merkt man: Das Jahr 1967 ist eines, das man kaum aus "inneren" jazzhistorischen Gründen aufs Tapet hieven würde: 1967 wurde kein neuer Jazzstil "erfunden" und entstanden - anders als etwa 1959 oder 1969 - keine der großen, wegweisenden Schallplattenmeilensteine.

John Coltranes früher Tod

1967 war ein Jahr des Übergangs, in dem unterschiedliche Entwicklungslinien einander überlappten: Während in den USA etwa das Charles Lloyd Quartet oder das Quintett "Free Spirits" um Larry Coryell und Jim Pepper bereits mit Rock-Rhythmen experimentierten und so die Welle des Rock-Jazz der frühen 1970er Jahre antizipierten, bedeutete der tragisch frühe Tod John Coltranes im Juli 1967 einen ersten Endpunkt in der Geschichte des Avantgarde-Jazz.

Free-Jazz-Welle in Deutschland

In Deutschland wurde anno 1967 heftig über die anbrandende Welle des Free Jazz diskutiert, nicht zuletzt, weil ein 26 Jahre junger Saxofonist namens Peter Brötzmann sein Debüt "For Adolphe Sax" vorlegte. Albert Mangelsdorff setzte der hermetischen Wucht des deutschen Free Jazz, die rückblickend mit dem Attribut "Kaputtspielphase" bezeichnet wurde, mit dem Beginn seiner Einspielung kammermusikalischer, freier Duos bereits wieder einen ersten Kontrapunkt entgegen.

Gulda narrt das Feuilleton

In Österreich wurde der freie Jazz mit Verzögerung zur Kenntnis genommen, sieht man von den eher isolierten Experimenten der "Masters of Unorthodox Jazz" und der Reform Art Unit in Wien sowie dem Duo Dieter Glawischnig/Ewald Oberleitner in Graz ab. Hier machte sich nach der Gründung der Jazzabteilung an der Grazer Musikakademie 1965, Friedrich Guldas Jazzwettbewerb 1966 und der Gründung des Sextetts von Erich Kleinschuster, der alsbald am 1967 reformierten ORF und darüber hinaus wichtige Impulse setzen sollte, auf andere Weise langsam Aufbruchsstimmung breit.

Eines der rückblickend folgenreichsten Ereignisse des Jahres: Friedrich Gulda schlüpfte, von seinem Jazztrio begleitet, im Rahmen der LP "Wann i geh'" vorerst unerkannt in die Rolle des Wienerlied-Sängers Albert Golowin und narrte damit das Feuilleton.

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