Schauspieler in Bewegung

Christian Stangl

Massenquartier als Massenunterhaltung - "Traiskirchen" bei den Festwochen

Traiskirchen - das niederösterreichische Flüchtlingslager, südlich von Wien hat im Sommer 2015 Schlagzeilen gemacht, als es im Zuge der Flüchtlingswelle stark überbelegt war, was zu Reaktionen aus Politik, und Protesten von Hilfsorganisationen und Künstlern geführt hat. Die große Überforderung, aber auch die große Hilfsbereitschaft von damals wird jetzt aufgearbeitet und zwar in einem Musical: "Traiskirchen. Das Musical" heißt die neueste Arbeit der Gruppe "Die Schweigende Mehrheit" rund um Tina Leisch, die das Stück nun im Rahmen der Wiener Festwochen im Volkstheater zeigen. Premiere ist heute Abend.

Morgenjournal, 09 06 2017

Katharina Menhofer

Stimmungsbild des Sommers 2015

"Menscheunwürdige Zustände im Herzen Europas" - Willkommen in Traiskirchen. Willkommen im Musical. Ist ein Massenlager für Menschen in Not der passende Stoff für ein massentaugliches Unterhaltungsgenre? Ja, sagt Regisseurin Tina Leisch: "Die Situation in Traiskirchen im Sommer 2015 war eine große Tragikomödie, ich glaub da sind alle Elemente einer Tragödie und einer Komödie zusammengekommen, wir haben das eigentlich nur mehr auf die Bühne heben müssen."

Tragödie und Komödie

Da gibt es die absurden Fragebögen, die fehlenden Hinweisschilder, dass das Wasser in Österreich trinkbar ist, die nicht gelieferten Vorhänge für die Damenduschen oder die unbrauchbaren Hilfslieferungen von Privatpersonen - wie 40 Eishockey-Uniformen. Da gibt es den schwarzen Amnesty-Mitarbeiter, der für einen Flüchtling gehalten wird, den Journalisten, der aus einem differenzierten Interview eine eindeutige Schlagzeilen macht oder den heimischen Obdachlosen, der plötzlich zum schützenswerten Opfer wird.

Geschichten und Erinnerungen

"Wenn's gegen die Ausländer geht, dann kriecht sie hervor die Liebe zum heimischen Dreck", wird da gesungen. Tina Leisch und Bernhard Dechand, die mit ihrer Truppe Die Schweigende Mehrheit schon Jelineks "Schutzbefohlene" mit Flüchtlingen auf die Bühne gebracht haben, haben für das "Traiskirchen"-Musical Geschichten und Erinnerungen von damals gesammelt - und bringen diese als Stimmungsbild jenes Sommers, gemeinsam mit sieben Musikern und 33 Darstellern auf die Bühne.

"Es geht darum, was wir hier tun, was das für uns bedeutet, in Österreich. Es geht nicht um das Klischee der armen Flüchtlinge, und was sie alles Schreckliches erlebt haben, davon werden sie nix erfahren. Es gibt den schönen Satz im Stück: 'Vor lauter Feinden sehen wir den Feind nicht mehr.' Also es geht schon um die Konfrontation der Weltanschauungen und Ideologien. Um weltweite Konflikte, die mit geopolitischen Fragen oder mit Verteilungsgerechtigkeit zu tun haben. Und was dann passiert, und wie die Menschen darauf reagieren. Aber das Ganze auch als alberner Schmarrn, als große Groteske und lustiges Geblödel auch", erklärt die Regisseurin.

Scharfe Pointen & tiefschwarzer Humor

Der Versuchung der Schwarz-Weiß-Malerei erliegt man nicht. Die Pointen sind scharf, der Humor tiefschwarz, die Musik von Eva Jantschitsch oder Bauchklang passend - und der Blick ins Publikum unvermeidlich: "Chef schau mal, da sitzen schon wieder 800 neue vorm Zaun, die sind ganz still - traumatisiert wahrscheinlich", heißt es im Stück.

Dass das Musical ein passendes Gefäß für einen facettenreichen Stoff wie Traiskirchen sein kann - das lassen die Proben erahnen - und die Premiere heute Abend könnte womöglich einer der langersehnten Höhepunkt im heurigen Festwochenprogramm werden.

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Wiener Festwochen – Traiskirchen. Das Musical

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