Christian Thielemann

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Christian Thielemann & die Wiener Philharmoniker live

Als Christian Thielemann vor einigen Jahren zu einer Parsifal-Vorstellung in der Wiener Staatsoper anreiste und direkt vom Flughafen zu einem Interview-Termin kam, erzählte er, seine Reiselektüre habe ihn gerade sehr nachdenklich gemacht. Es ging um Reflexionen über einen Aphorismus von Theodor Fontane: "Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben."

Das Neue im Alten

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass gerade ein Dirigent sich von diesem Satz angesprochen fühlt, denn die Musikgeschichte - bis zum heutigen Tag - ist voll von Beispielen, wie aus der Liebe zum Alten Neues entsteht. Denken wir - um nur zwei Beispiele zu nennen - an Mozarts intensive Studien verschiedener Kompositionen von Bach und Händel oder daran, wie Igor Strawinsky Musik von Pergolesi und anderen umgearbeitet und ganz Neues daraus gemacht hat.

Jörg Widmanns "Flute en suite"

Und Jörg Widmann? - Allein das Wortspiel des Werktitels "Flute en suite" deutet auf die barocke Tanzsuite hin. Der Komponist selbst spricht ausdrücklich von einer "suitenartigen Anordnung verschiedener Tanzformen". Und er fügt hinzu: "Fast jeder der Einzelsätze stellt der Soloflöte nur eine spezifische Klangfarbe, eine Instrumentalgruppe aus dem Orchester gegenüber."

So entsteht - Satz für Satz - ein buntes Gesamtbild: Zu Beginn - in der Allemande - spielt die Soloflöte zusammen mit den Orchesterflöten, in der Sarabande sind die Streicher ihre Klangpartner. Zwei Choräle unterschiedlicher Art werden den Blechbläsern zugewiesen. "Nur in der abschließenden Badinerie sind alle Orchestergruppen versammelt, allerdings auch hier barock-terrassenartig gestaffelt, hintereinander, kaum je gleichzeitig. Wichtig ist für den Komponisten, dass die Impulse immer von der Flöte ausgehen, dass aber die Farben der anderen Instrumente den Klang der Flöte jeweils neu beleuchten."

Joshuas "aufregend dunkle Klang"

Jörg Widmann hat dieses Stück ganz am Ende seiner zweijährigen Residenz (2010/11) beim Cleveland Orchestra komponiert. Besonders inspiriert hätten ihn dabei - so erzählt er - die Wandlungsfähigkeit dieses Orchesters in all seinen Instrumentengruppen und der "aufregend dunkle Klang" des Soloflötisten Joshua Smith. Und es ist zweifellos hochinteressant, wenn sich ein anderes wandlungsfähiges Spitzenorchester mit diesem Stück auseinandersetzt und ein anderer Soloflötist, nämlich Dieter Flury, mit seinem eigenen individuellen Ton dem Werk eine neue Farbe verleiht.

Brahms' Passion für das Alte

Die beiden Stücke, die "Flute en suite" umrahmen, erinnern daran, dass auch Brahms das Alte geliebt und aus ihm Neues entwickelt hat. Alte Studentenlieder zum Beispiel hat der Ehrendoktor der Universität Breslau kunstvoll in eine "Akademische Festouvertüre" verwandelt. Und für den Finalsatz seiner vierten Symphonie hat Brahms auf die barocke "Passacaglia" zurückgegriffen, eine Variationsform über ein immer wiederkehrendes Bass-Thema. Brahms wählte als Modell ein Thema aus einer Bach-Kantate und ließ aus diesem dreißig Variationen entstehen, die sich zum Schluss hin eindrucksvoll steigern. Die dreißig Teile sind eng miteinander verzahnt und unter den Bogen einer großen Form gespannt, die ihnen eine überwältigende symphonische Dimension verleiht.

Ob Christian Thielemann sich unter solchen Prämissen wohl wieder bemüßigt fühlt, über Fontanes Satz nachzudenken?

Text: Gabriele Solder