Hubschrauber über einem Dammbruch an der Elbe

AFP / RONNY HARTMANN

Platz für Alle!? – Filmdistribution im Umbruch

"Kino hui, Fernsehen pfui" - jahrzehntelang war die Welt von Kulturpessimisten in Ordnung, also gut geordnet in ihren Feindbildern. Doch mit dem Boom auch künstlerisch interessanter Fernsehserien in den 2000er Jahren und Vorreitern wie dem US-amerikanischen Pay-TV-Sender HBO haben sich die Perspektiven verändert.

Ein Trend der mit dem Aufkommen sogenannter Onlineanbieter oder Streamingdienste wie Netflix und Amazon-Video nicht nur fortgesetzt, sondern in eine neue Dimension überführt wird. Vor allem auch was die Verbreitung von Filmen via Internet betrifft. Eine "gigantische Umwälzung" stehe diesbezüglich bevor, meint etwa das US-Branchenblatt "Variety", wenn sich Filmfans in Zukunft ihre Inhalte online ins Wohnzimmer liefern lassen. Und natürlich mit dramatischen Auswirkungen auf die Institution Kino. Erst kürzlich auf dem Filmfestival in Cannes hat sich diese Diskussion zugespitzt.

Kulturjournal, 9.6.2017

Arnold Schnötzinger

Almodovar hat Wort gehalten

Keine Goldene Palme, kein Preis für einen Film, der nur sehr beschränkt in den Kinos zu sehen sein wird, so die selbstauferlegte Vorgabe des Jury-Präsidenten bei den heurigen Filmfestspielen in Cannes: Ein Wettbewerbsfilm gehöre einfach großflächig ins Kino, so der Spanier. Und basta! Doch was war da passiert? Der Streamingdienst Netflix hatte angekündigt, seine beiden Palmenanwärter "Okja" und "The Meyerowitz Stories" in nur wenigen Ländern auf der großen Leinwand zeigen zu wollen, also hauptsächlich online zu verbreiten. Diplomatisch verschnupft reagierte Okja-Darstellerin Tilda Swinton in Cannes: "Der Jury-Präsident habe natürlich das Recht, seine Meinung frei heraus zu sagen."

Filme sofort, jederzeit und überall

Was sich hier als Kulturkampf zwischen einer traditionellen Film-Auswertungskette einerseits und Onlineangeboten andererseits hochgeschaukelt hat, schwelt seit Monaten im Hintergrund als ernsthafte Debatte über die künftige Distributionsstrategie. Denn das Geschäftsmodell von Netflix, Amazon und Co. will nicht mehr primär die klassische Kino-Klientel, sondern vor allem die dauerhaft zahlende Onlinekundschaft bedienen, Filme überall und jederzeit verfügbar machen. Und das sofort.

Für den Preis einer Kinokartekönnen Streaming-Abonnenten im Monat auf das Gesamtangebot an Fernsehserien und eben auch vermehrt Spielfilme zugreifen. Schauspieler Will Smith, Jury-Mitglied in Cannes, sieht keine Dramatik: im Gegenteil: "Meine Kinder gehen zweimal in der Woche ins Kino und schauen sich ebenso Filme auf Netflix an, Filme, die übrigens zum Teil nie im Kino zu sehen sind."

Vergleichbaren Millionenbudgets

Damit legt Will Smith einen Finger auf den wunden Punkt der Kinodistribution: In den kommerziellen Kinos sind Filme oft nur zeitlich sehr begrenzt zu sehen, der Nachschub ist enorm, der kommerzielle Druck ebenso, viele Filme kommen erst gar nicht ins Kino. Was keine Kasse macht, fliegt bald aus dem Programm. Und weil Netflix und Amazon mittlerweile mit, den großen Hollywood-Studios fast vergleichbaren Millionenbudgets hantieren - die soeben auf Netflix veröffentlichte Kriegssatire "War machine" mit Brad Pitt kommt auf rund 60 Millionen Dollar -, weil also Netflix und Amazon längst über fernsehähnliche Serienformate hinaus finanziell großspurig agieren, haben sie auch die großen Hollywood-Studios in die Bredouille gebracht.

Auswertungskette im Umbruch

Zuerst Kino, dann VHS-Kassette und später DVD und Blue-Ray in der Videothek, dann Verkauf der Silberscheiben, Bezahlfernsehen und am Ende klassisches Fernsehen, das alles in genau festgelegten zeitlichen Abständen von bis zu drei Jahren. Diese seit langem traditionelle Audiovisions-Auswertungskette steht vor einem tiefgreifenden Umbruch. Schon in den letzten Jahren hat sich Video on Demand (VOD) weit vorgemogelt. Und seit Neflix&Co Großproduktionen wie eben "War Machine" direkt online stellen, zerbröselt der exklusive Erstanspruch des Kinos.

Nun wollen auch Hollywood-Studios den Abstand zwischen Kinoeinsatz und Onlinepräsenz radikal verkürzen. Von 30-45 Tagen ist die Rede, Auch die Forderung nach zeitgleichem Start in den Kinos und Online steht längst im Raum. Letzteres wäre für die Kinobesitzer ein Katstrophenszenario, hat das Publikum doch die Vorzüge von Home-Watching schätzen gelernt. Zeitlich und finanziell.

Keinesfalls nur Kommerz

Und künstlerisch? Längst goutieren selbst renommierte Schauspieler und Regisseure wie David Fincher, Woody Allen, Noah Baumbach oder Keanu Reeves, Adam Sandler, Tilda Swinton die Möglichkeiten der neuen Arbeitgeber, öffnen Netflix und Amazon ja keinesfalls nur die Kommerzschleusen: Nach durchaus respektablen Serienformaten wie "House of Cards", "Stranger Things" und "Orange is the New Black" steigen die Streamingdienste vermehrt in die Spielfilmproduktion ein, haben dutzende Projekte in Arbeit und Prominente wie Angelina Jolie, Duncan Jones, Robert Redford mit an Bord.

Das alles unter Arbeitsbedingungen, die man in Hollywood oft vermisst, wie der Koreaner Bong Joon-Ho, Regisseur des Cannes-Wettbewerbsfilms "Okja" in Cannes geradezu schwärmte: "Netflix hat mich sehr unterstützt und mit einem ansprechenden Budget ausgestattet. Das Wichtigste aber war, dass Netflix mir völlige künstlerische Freiheit gewährt hat." Bong Joon-Hos Film, den Netflix in Südkorea als einem der wenigen Länder Ende dieses Monats auch im Kino herausbringen wollte, wird dort mittlerweile, so das Branchenblatt "Variety", von den drei größten Kinoketten boykottiert.

Alles Netverflixt?

Das Kino in Zukunft also nur mehr als Event-Plattform für Marketing-Zwecke, oder Filme im Kino nur mehr, um die Kriterien für eine Oscar-Nominierung zu erfüllen? Was bei derartigem Pessimismus gerne vergessen wird: am Ende zählt stets das künstlerische Ergebnis: Das kann im Kino genauso schlecht sein, wie es im Streaming-Verfahren gut sein kann und umgekehrt. Alles Netverflixt also? Mitnichten, wie auch Tilda Swinton in Cannes meinte: "Es ist Platz für alle."

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