Consolate Sipérius, Ursina Lardi

DANIEL SEIFFERT

Die Grenzen unseres Mitgefühls

Ein Tribunal im Dschungel, ein Völkermordradio auf der Bühne, eine Partei zur Einführung des Ausländerstimmrechts.

In den Aktionen und Performances des Schweizer Autors und Regisseurs Milo Rau verschränken sich Bühne und Realität. In seinen Werken setzt er sich mit Globalisierungs- und Flüchtlingsfragen auseinander. Rau kritisiert die eurozentrische Betroffenheitskultur und prägte in diesem Zusammenhang den Begriff "zynischer Humanismus". Sein Stück "Mitleid. Geschichte des Maschinengewehrs" basiert auf Interviews mit Flüchtlingen und NGO-Mitarbeitern.

Die Hauptfigur, eine von der Schweizer Schauspielerin Ursina Lardi dargestellte Entwicklungshelferin, muss erkennen, dass es so was wie einen "guten Menschen" nicht gibt. Nirgends, nicht einmal unter den Überlebenden eines Massakers. "Am Ende der Geschichte", resümiert Lardi desillusioniert, "kommt es darauf an, wer die Maschinengewehre hat."

"Ich bin sie leid, diese europäischen Diskurse der Machbarkeit, der Toleranz, der innereuropäischen Gegenseitigkeit und Kameradschaftlichkeit. Dieser Rausch der Barmherzigkeit und des Mitleids, das ist Herrenrhetorik", sagt Milo Rau. Es sei diese humanistische Rhetorik, die ihn süchtig nach Terror gemacht habe. Deshalb arbeite er in Zentralafrika. "Dort sehe ich dieses gutwillige Europa in seiner bösartigen Nacktheit. Denn was habe ich denn in meinen Stücken Hate Radio, in The Civil Wars oder im Kongo Tribunal, die vorgeblich von Ruanda, vom Dschihad, vom Kongo sprechen, anderes gefunden als eine Beschreibung Europas, der Werte des Abendlands?" Das Schreckliche sei ja, stellt Milo Rau fest, dass es kein Anderes mehr gibt. "Es gibt nur noch das multiplizierte Eigene, es gibt nur einen einzigen planetaren Innenraum, im Realen genauso wie im Imaginären."

Die aktuellen Künste hätten nicht einmal den Ansatz einer Sprache für dieses Endspiel des Humanen gefunden, das sich aktuell vollzieht, meint Rau. Er fordert daher einen "globalen Realismus" im Theater. "Zu Beginn meiner Arbeit als Regisseur in den späten Neunzigern war ich im Grunde reiner Aktivist. Etwa gleichzeitig nahm, durch mein Studium bei Pierre Bourdieu in Paris und durch meine Arbeit als Reporter, eine Art Realitätssucht von mir Besitz. Ich wollte dorthin gehen, wo ich mir die Dinge anschauen, sie face to face beschreiben und bekämpfen konnte. Ich begann also, nach Afrika zu reisen, nach Südamerika, nach Russland und an dem zu arbeiten, was ich heute den 'globalen Realismus' nenne: an der Beschreibung dieses weltumspannenden Innenraums des Kapitals, seiner Albträume und Hoffnungen, seiner Unter- und Gegenwelten."


Teaser: Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs from marc stephan on Vimeo.

2007 gründete Milo Rau für die Produktion seiner künstlerischen Arbeiten die Theater- und Filmproduktionsgesellschaft International Institute of Political Murder (IIPM), die er seitdem leitet. Seine Produktionen stehen für eine dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst – "Realtheater" nannte der deutsche Filmemacher und Schriftsteller Alexander Kluge Milo Raus Ästhetik einmal.

Das IIPM konzentriert sich auf die multimediale Bearbeitung historischer oder gesellschaftspolitischer Konflikte. Unter anderem holte die Produktionsgesellschaft die Erschießung des Ehepaars Ceausescu ("Die letzten Tage der Ceausescus"), den ruandischen Völkermord ("Hate Radio") und den norwegischen Terroristen Anders B. Breivik ("Breiviks Erklärung") auf die Bühne.

Die Uraufführung von "Mitleid. Die Geschichte des Maschinengewehrs" fand im Jänner 2016 an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin statt. Als "ein Meisterwerk, brennend vor Aktualität" und "atemberaubend" feierten Kritik und Publikum Milo Raus Stück.

Service

International Institute of Political Murder

Die Interviewpassagen stammen aus einem Gespräch mit Rolf Bossart in: Theater der Zeit, Oktober 2015.