Gal Gadot als Diana

CLAY ENOS/DC COMICS/WARNER BROS.

"Wonder Woman" - eine Heldin erobert die Kinowelt

Vor mehr als 75 Jahren wurde die DC-Comic Figur "Wonder Woman" ersonnen. Als Amazonenprinzessin mit Superkräften eroberte sie später auch die Fernsehschirme und nun erstmals die Kinoleinwand. Patty Jenkins‘ Comicverfilmung "Wonder Woman" wird zum ungeahnten Sensationserfolg.

Testosteronfrei funktioniert trotzdem

Stellen Sie sich vor, im Kino läuft eine Heldengeschichte, bei der frühestens nach 45 Minuten der erste Mann auf der Bildfläche erscheint, und keiner merkt's. So geschehen in Patty Jenkins vielbeachteter Comicverfilmung "Wonder Woman", die im Westen verblüfft gefeiert, in manchen arabischen Ländern hingegen verdammt und verboten wird. Und tatsächlich, es ist ein beachtenswertes Stück Kinogeschichte, das mit diesem Streifen geschrieben wird.

Wonder Woman, Gal Gadot

CLAY ENOS/DC COMICS/WARNER BROS.

Denn obwohl er unter der Riege einer Regisseurin entstand - was sich in Hollywood, den USA und dem Rest der Welt üblicherweise recht spärlich und beschwerlich zu viel Geld machen lässt -, spielte er gleich am ersten Wochenende in den USA sensationelle 100 Millionen Dollar ein, in der Folgewoche immerhin noch deutlich mehr als 50 Millionen. "Wonder Woman" steht somit unangefochten an der Spitze der US-Kinocharts, als bisher erfolgreichster Start eines Films aus weiblicher Hand, und er schlägt damit ganz nebenbei auch den Action-Film "Die Mumie" mit Tom Cruise.

Das weibliche Erfolgsrezept

Der Erfolg von "Wonder Woman" könnte jetzt den Druck auf die Filmbranche erhöhen, weiblichen Filmemachern Jobs anzubieten, schreibt der "Hollywood Reporter". 76 Jahre nach der Geburt der Superheldin als DC-Comic mag das durchaus verwundern - immer noch dieselben Themen und Problemfelder?

Mit der offenkundigen Zeitlosigkeit der Thematik spielt auch Patty Jenkins in ihrem Streifen. Zwischen griechischer Antike, Männerdomäne im beginnenden 20. Jahrhundert und westlicher Welt im 21. Jahrhundert verschwimmen die Grenzen spielerisch. Vieles was "Wonder Woman" aus ihrer Unbedarftheit heraus fragt, kommentiert oder kopfschüttelnd gar nicht glauben will, passt nicht nur ins kriegsgebeutelte London des Jahres 1918, sondern - das verrät das Gelächter des Kinopublikums - auch in die scheinbar emanzipierte Gesellschaft unserer Tage.

Schlichte Handlung, vielschichtiges Drehbuch

Die äußere Handlung ist dabei so simpel wie konstruiert. Die Amazonenprinzessin Diana (Gal Gadott) wächst als wohlbehütete Tochter der Amazonenkönigin auf einer paradiesischen Insel auf und wird zur Kämpferin ausgebildet, ohne zu wissen, dass sie im Besitz übernatürlicher Kräfte ist. Als kurz vor Ende des Ersten Weltkriegs der amerikanische Pilot Steve Trevor vor der Insel strandet, findet Diana ihre Mission: An seiner Seite will sie einen Giftgasanschlag des deutschen Generals Ludendorff vereiteln, in dem sie den menschgewordenen Kriegsgott Ares vermutet, und so den Weltfrieden wiederherstellen.

Lustvolle Kampfansagen

Jenkins baut auf ein kluges, witziges Drehbuch, das in selbstverständlicher Leichtigkeit die griechische Mythologie mit der Kriegsrealität des beginnenden 20. Jahrhunderts verquickt. Mittels 3D-Verfahren setzt sie waghalsige Stunts, zielsicher abgeschossene Munition und spektakuläre Kampfeinsätze effektvoll in Szene, ohne dabei auf die ästhetische Komponente zu vergessen. Lustvoll, grazil und dennoch knallhart sind die Kampfeinsätze der Amazonen mit Schild und Schwert, Pfeil und Bogen.

Verbote in arabischen Ländern

Hauptdarstellerin Gal Gadott war auf die Rolle der Wonder Woman vorbereitet, unter anderem mit Reitstunden, Kampfsport und intensivem körperlichem Training, wie sie sagt. Gadott, die ehemalige Miss Israel, leistete selbst einen zweijährigen Wehrdienst in der israelischen Armee, unter anderem bei Angriffen im Gazastreifen, was dazu führte, dass der Film im Libanon und Tunesien verboten wurde. Der Libanon befindet sich offiziell im Krieg mit Israel, zwischen Tunesien und Israel gibt es keine diplomatischen Beziehungen.

Chris Pine als Steve Trevor und Gal Gadot als Diana

CLAY ENOS/DC COMICS/WARNER BROS.

Chris Pine als Steve Trevor und Gal Gadot als Diana

Männlichkeit, augenzwinkernd seziert

Witzig, aber nicht durchgehend konsequent bringt Jenkins den männlichen Gegenpart Steve Trevor (Chris Pine) auf die Leinwand, der zwischen heldenhaftem Draufgänger und Karikatur desselben oszilliert. Er beschert der Handlung zahlreiche köstliche Momente, um dann allerdings in entscheidenden Szenen doch wieder nur einen dieser allzu ausgetretenen Pfade herkömmlicher Heldenschicksale zu beschreiten.

Auch die übrigen drei Gefährten, die Diana und Steve bei ihrer Weltrettungsmission mit an Bord haben, sind witzige Infragestellungen dessen, was Männlichkeit zu bedeuten hat. Zum Beispiel, wenn einer der beiden lieber in einer Bar Klavier spielt und singt, anstatt im Feld tapfer zu kämpfen.

Heldin sein im Lauf der Geschichte

Was bedeutet es, ein Held bzw. eine Heldin zu sein? So fasst Jenkins die Essenz ihres Streifens zusammen und bezieht sich damit sowohl auf die scheinbar ureigene Sehnsucht des Menschen nach unfehlbaren Idolen mit Superkräften als auch auf den konkreten Bedarf an Heldennachschub im 21. Jahrhundert, in dem sich bekanntlich viele wieder nach "dem starken Mann" sehen.

Oder eben nach der starken Frau. Denn Jenkins Heldin macht über weite Strecken die Geschlechterunterschiede obsolet. An anderer Stelle allerdings wird ganz deutlich, dass die feminine Protagonistin einen völlig anderen Blick auf das Schlachtfeld vor ihren Augen wirft. Sie glaubt nicht an die Macht der Gewalt, sondern an die Kraft der Liebe und an das Gute im Menschen.

Chris Pine als Steve Trevor und Gal Gadot als Diana

CLAY ENOS/DC COMICS/WARNER BROS.

Gelungener Film mit pathetischem Finale

Dass diese Quintessenz am Ende allzu pathetisch in satte Orangetöne getaucht und orchestral untermalt auf die Leinwand gebracht wird, ist ein wenig schade angesichts einer ansonsten höchst gelungenen, und längst notwendigen feministischen Neuinterpretation des filmischen Heldentums.

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