Pieter Breughel, Winterlandschaft

RIJKSMUSEUM

Die Kleine Eiszeit

In seinem Buch "Die Welt aus den Angeln" führt der Historiker und Ö1 Moderator Philipp Blom die großen Transformationen des 17. Jahrhunderts auf den Klimawandel zurück und zieht daraus unbequeme Konsequenzen für die Gegenwart.

Zeit der Auf- und Umbrüche

Der in Wien lebende Blom hat in seinen bestsellertauglich erzählten Sachbüchern wiederholt die bekannten Läufe der Geschichte nachgezeichnet - und ihnen mit neuer Perspektive neue Relevanz für die Gegenwart verliehen. In seinem aktuellen Buch nimmt er sich der "Kleinen Eiszeit" an, jener Ära vom späten 16. bis zum Ende des 17. Jahrhunderts, in der die Weltordnung in fast allen Gesellschaftsbereichen Auf- und Umbrüche erlebte - und: in der die Durchschnittstemperaturen um einige empfindliche Grade niedriger waren, als davor und auch als heute.

Philipp Blom spricht in "Kontext" über die kleine Eiszeit und die "Die Welt aus den Angeln".

Wandel durch Klimawandel

Im 17. Jahrhundert war Europa ein eisiges Reich. Die Temperaturen waren zwischen 1570 und 1685 um zwei Grad gesunken. Heftige Hagelstürme, bitterkalte Winter und kurze, verregnete Sommer sorgten für Missernten und Hungersnöte. Europa lebte von Getreide und dieses wurde nun knapp.

1570 ist die landwirtschaftliche Krise besonders stark und führt zu tiefgreifenden Veränderungen in der Landwirtschaft. Die bis dahin üblichen Allmenden, Land das niemanden gehörte und von landlosen Menschen bepflanzt werden durfte, wurden eingezäunt und durften nur mehr gegen Gebühr beackert werden. Professionelle Verwalter sollten die Erträge steigern und nicht, wie bisher üblich, nur für den Eigenbedarf produzieren.

Botaniker führten Experimente durch um bessere Anbaumethoden und widerstandsfähigere Saatpflanzen zu entwickeln. Eine Erkenntnis war der Umstieg auf den Anbau, der damals noch neuen, Kartoffel. Da die Erdäpfel weniger Kälte und Frost anfällig ist. Diese Erkenntnisse wurden durch Bücher verbreitet.

Im Laufe von etwa einem Jahrhundert, vom späten 16. Jahrhundert bis ins späte 17 Jahrhundert begann sich Europa mit den Auswirkungen der kleinen Eiszeit zu arrangieren. Es war kälter, aber die Landwirtschaft wurde auf Grund neuer Anbaumethoden wieder produktiver. Europas Gesellschaften begannen sich zu verändern, in deren Mittelpunkt der Handel und die Märkte standen. Für den Handel wurden neue Gesetze geschaffen, neue Berufe wie der Techniker, der Gelehrte und der Kaufmann entstanden. Der Handel intensivierte sich und die Geldwirtschaft verbreitete sich. Europa entwickelt sich von einem feudalen zu einem kapitalistischen System.

Es fand eine Neuorientierung der Gesellschaft, in der der Markt, das Wachstum und der persönliche Statusgewinn den Platz von Gott, Kaiser und feudalem gesellschaftlichem Zusammenhalt einnahmen, statt.

Eine Warnung für heute

Besonderes Augenmerk legt Blom auch auf die philosophischen Begleiterscheinungen dieser Umwälzungen, auf die Ideengeschichte der Menschenrechte, die im Geiste der Aufklärung seit jeher auf dem unüberbrückbaren Widerspruch ruhten, dass die Parole der Gleichheit nur jenen auszusprechen gegeben war und ist, deren Wohlstand auf der Ausbeutung anderer basiert.

Genau jene Strukturen von Wachstum und Ausbeutung, die sich bei diesem letzten Klimawandel als Strategien entwickelt haben, werden ursächlich den nächsten Klimawandel hervorbringen. Auch diesmal werden seine Konsequenzen in jeden Lebensbereich vordringen. Einziger Unterschied: Diesmal wissen wir es vorher.

Text:APA/Red.

Service

Philipp Blom, "Die Welt aus den Angeln", Hanser Verlag

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