Darstellerinnen auf der Bühne, Battlefield

CAROLINE MOREAU

"Battlefield": Nach der Schlacht die Apokalypse

Mit seiner Produktion "Battlefield" beschließt Theaterlegende Peter Brook die Wiener Festwochen 2017. Nach über 30 Jahren widmet er sich darin abermals dem uralten indischen Volksepos "Mahabharata" - statt einer neunstündigen Bühnenfassung diesmal allerdings in konzentrierter einstündiger Fassung.

Mittagsjournal, 16.6.2017

Judith Hoffmann

Kulturjournal, 16.6.2017

Im Interview über sein apokalyptisches "Battlefield" verrät Peter Brook, warum er immer noch an das Theater glaubt.

Parabel von Verantwortung & Macht

Die Schlacht ist geschlagen, der grausame Krieg, den die verfeindeten Familienmitglieder der Pandavas und Kauravas gegeneinander ausfochten, zu Ende. Doch selbst der Sieger Yudishtira geht nicht erhobenen Hauptes vom Feld, sondern gebeugt und gebeutelt, das Blut der Millionen Toten immer noch an seinen Händen, so Peter Brook: "Er ist so entsetzt, dass er am liebsten aufgeben, in den Wald gehen und den Rest seines Lebens dort als Büßer verbringen würde. Aber er weiß, das geht nicht, denn jetzt beginnt seine eigentliche Lebensaufgabe: Er muss mithelfen, eine neue Welt zu erschaffen. Darin besteht die Verantwortung."

Dieses Verantwortungsbewusstsein habe ihn dazu veranlasst, sich nach fast 30 Jahren neuerlich des "Mahabharata" anzunehmen. Das indische Volksepos birgt eine Fülle an Geschichten und Parabeln, vor allem aber kreist es um das Thema Verantwortung der Machthaber, um das Innehalten und die Reflexion, und um die entscheidende Frage nach dem Warum - eine Frage, die auch für heutige Machthaber essentiell sei, aber leider kaum gestellt würde, so Brook.

Kultregisseur und Idol für Generationen

Vor fast 50 Jahren brachte Peter Brook seine Gedanken im Buch "Der leere Raum" zu Papier und versetzte damit die Theaterwelt in Aufruhr. Bis heute gilt es etlichen Theatermachern als Bibel. Und bis heute ist der zierliche 92-Jährige mit dem verschmitzten Lächeln ein Idol für Generationen von Theaterliebhabern.

Immer noch beginnt seine Theaterarbeit mit dem leeren Raum, in den er seine Figuren behutsam agieren lässt, mit viel Konzentration auf Stimme, Erzählung, Gestik und Mimik.

Darsteller mit einem gelben Cape

PASCAL VICTOR

Rückkehr zum Mythos und zum leeren Raum

Bereits Mitte der 70er Jahre begann Brooks Befassung mit dem umfangreichen Hindu-Mythos "Mahabharata", 1989 gastierte er mit einer rund neunstündigen Bühnenfassung bei den Wiener Festwochen. Heute ist es ein 70-minütiges Destillat der Thematik, die auch nach Jahrtausenden nichts von ihrer Dringlichkeit verloren habe, so Brook.

Und er bringt seine theatrale Erzählung in purer, reduzierter Form auf die Bühne: vier Schauspieler und ein Trommler, dazu ein paar Stoffbahnen, die je nach Situation Mantel, Fluss, Zelt oder Leichentuch sein können. Einige Bambusrohre unterschiedlicher Stärke lehnen an der Wand oder liegen auf einem Haufen übereinander wie Mikado-Stäbe. Sonst ist der rotbraune Bühnenboden leer, auf den die Schauspieler ihre Schritte ebenso bedächtig setzen wie ihre Worte.

Leise, aber eindringliche Mahnung

Konkrete Anspielungen, etwa auf den Syrienkrieg oder einen der anderen zahlreichen Kriegsschauplätze unserer Tage, sucht man in "Battlefield" vergeblich. "Das ist nicht unser Job", so Peter Brook, der die Produktion wie immer mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Marie-Hélène Estienne erarbeitete. Vielmehr gilt: "Es liegt an jedem einzelnen Zuschauer, der Herz und Verstand hat, sich das anzusehen und Verknüpfungen zu erkennen, vielleicht zu Syrien, vielleicht zu Palästina, dem Iran, Nordkorea oder jeder anderen Kriegssituation."

Das 2015 uraufgeführte Stück tourte bereits durch zahlreiche Länder und wurde vorrangig mit hymnischen Kritiken bedacht. Die Abschlussproduktion der Wiener Festwochen wird wohl eine der leisesten Produktionen der diesjährigen Festwochen sein, vielleicht aber auch eine der eindringlichsten.

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Wiener Festwochen - Battlefield

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