Juan Villoro

AFP / OMAR TORRES

Juan Villoro - kritische Stimme Mexikos auf Wienbesuch

Der Autor Juan Villoro ist eine der wichtigsten und kritischsten Stimmen der mexikanischen Gegenwartsliteratur und ein gefragter Analyst der sozialen und politischen Situation seines Landes. Im Vorjahr erschien sein Roman "Das dritte Leben" auf Deutsch, am 20. Juni ist er im Literaturhaus Wien zu Gast.

Kulturjournal, 19.6.2017

Judith Hoffmann

Schwere Kost leichtfüßig präsentiert

Trotz anhaltender Angriffe auf die Pressefreiheit in seinem Land kritisiert er offen Korruption und Gewalt oder die Kollaboration von Politik und Drogenmafia. In seinen Werken verpackt er Gesellschaftskritik in leichtfüßige Metaphern und Parabeln, so zum Beispiel im jüngsten Roman "Das dritte Leben" (Originaltitel: "Arrecife").

Der Protagonist, ein ehemaliger Rockmusiker, findet nach einem ausschweifenden Leben voller Drogenexzesse Job und Unterschlupf im All-Inclusive-Hotel seines besten Freundes. Im Mikrokosmos dieses Karibikresorts wird die mexikanische Realität zu einer beliebten Touristenattraktion für abenteuerhungrige Gäste. Geboten wird Gefahrenurlaub der Extraklasse - giftige Spinnen, Entführungen und bewaffnete Überfälle inklusive - bis die Dinge langsam entgleisen und Realität und Fiktion auf gefährliche Weise ineinanderfließen.

Mikrokosmos als Spiegel der Realität

Die ganze Bandbreite der Missstände in seinem Land und darüber hinaus packt Villoro in diesen Roman: vom ökonomischen Aufstieg auf Kosten des ökologischen Bewusstseins über Waffen-, Drogen- und Menschenhandel bis zu Korruption und Geldwäsche. Jahre vor der Veröffentlichung der "Panama Papers" (der Roman erschien 2012 im Original) nimmt Villoro die Offshore-Geschäfte europäischer Banken ins Visier, denen marode Hotels an der Karibikküste zu willkommenen Geldwäscheautomaten werden.

"Ich hatte das Gefühl, das Thema liegt schon in der Luft, und ich wollte zeigen, wie der Klimawandel und damit der vermehrte Regen in der Karibik die Suche nach neuen Geschäftszweigen notwendig machten. Da sind Scheininvestitionen in längst heruntergekommene Hotelanlagen eine lukrative Option", so der Autor. Ganz nebenbei nimmt er auf diese Weise auch andere globale Netzwerke unter die Lupe, etwa wenn der ehemals drogensüchtige Protagonist nach und nach begreift, wie er die verheerende Macht der Drogenkartelle auch durch seinen Drogenkonsum mittrug.

Humor und messerscharfe Analyse

"Vieles in unserem Land ist unerträglich, aber der Humor hilft uns, die Probleme, wenn schon nicht zu lösen, so doch zu überleben", meint Villoro in Hinblick auf die zahlreichen satirischen und ironischen Seitenhiebe auf politische und gesellschaftliche Missstände in seinem Werk. Villoro zückt die spitze Feder stets aus dem Hinterhalt, trifft seine Ziele ebenso wie die Leser unvorbereitet und im Vorbeigehen, dabei stets mit einem vergnüglichen Augenzwinkern.

Da tritt hinter einem zunächst unscheinbaren Nebensatz plötzlich eine messerscharfe Sozialanalyse zutage, die es wert wäre, ausführlich überdacht und diskutiert zu werden. Doch schon läuft die Handlung zügig weiter, schon lugt hinter dem folgenden Absatz die nächste Gesellschaftsdiagnose hervor. Die Verquickung von Militär und Politik, Schutzgeldzahlungen aus dem In- und Ausland, britische Investoren und US-amerikanische Manager, sie alle bekommen hier subtil und unaufgeregt ihr Fett ab.

Von der Schwierigkeit, offen Kritik zu üben

Angesprochen auf seine Erfahrungen mit politischer Repression und Zensur bleibt Villoro zunächst allgemein. Es sei schwierig, in seinem Land als Journalist zu arbeiten, vor allem in kleineren Regionen und bei kleineren Zeitungen. Fürchten müsse seine Zunft allerdings nicht so sehr den Jähzorn der Drogenbosse und Kriminellen, sondern vor allem den Geltungsdrang jener Politiker, Polizisten und Militärs, die in der Grauzone zwischen Verbrechen und scheinheiliger Fassade agierten. Um diese Fassade des Anstands und der Ehrlichkeit aufrecht zu erhalten, setze man vor allem jene Journalisten unter Druck, die hinter besagte Fassade blicken und Missstände aufdecken.

Gespräche über Literatur und Mexiko

Am Montagabend ist Juan Villoro zu Gast im spanischen Kulturinstitut, dem Instituto Cervantes, wo er seine Perspektive auf die aktuelle Situation in Mexiko erläutern wird. Am Dienstagabend liest er gemeinsam mit der Autorin Maja Haderlap im Literaturhaus Wien, als Auftakt zur Veranstaltungsreihe "En espanol, por favor", die alle zwei Jahre spanischsprachige und deutschsprachige Schriftsteller in gemeinsamen Lesungen und Gesprächen präsentiert.

Service

Juan Villoro, "Das dritte Leben", Roman, aus dem Spanischen von Susanne Lange, Hanser. Originaltitel "Arrecife"
Viena Cervantes
Literaturhaus Wien - ¡En español, por favor! 1/2017. Maja Haderlap & Juan Villoro

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