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Diebe, Träumer, Tänzer

Wir feiern 50. Geburtstag. Aber deswegen blicken wir nicht zurück. Wir wollen auch bei der 50. Ausgabe mit vielen jungen Künstler/innen die Zukunft im Auge behalten. Sogar bei der einen Ausnahme zu dieser Feststellung ist das so: Um Geburtstag zu feiern, spielt das RSO Wien im Stefaniensaal des Grazer Congress kein Konzert, sondern spielt zum Tanz auf.


Im Ernst. Die Tanzenden sind die Besucher und Besucherinnen des musikprotokoll im steirischen herbst, also das Publikum. Getanzt wird nach Musik von Komponisten wie Johanna Doderer, Jorge Sánchez- Chiong, Johannes Kalitzke, Gerald Resch, Gerhard E.Winkler; auch Bernd Richard Deutsch und Johannes Maria Staud sind unter denen, die neue Stücke für das Format Tanzmusik für Fortgeschrittene mit dem RSO Wien schreiben.

Selbst wenn wir also in leichter Jubiläumsironie auf ein so altes Format wie einen "Ball" zum Geburtstagfeiern zurückgreifen, schauen wir musikalisch natürlich augenzwinkernd in die Zukunft. Oder zumindest in die Gegenwart. Denn die Gegenwart ist auch im Jubiläumsjahr unser Thema.

Neue und ganz neue Werke

An mehreren Stellen des Festivals werden auch 2017 wieder Beiträge von Großteils jungen Künstler/innen zu erleben sein, auf die 2017 im Rahmen des Projektes Shape die Scheinwerfer gerichtet sind, ein Projekt des Festivalnetzwerkes ICAS, der International Cities of Advanced Sound, das – und auch hier gibt es Anlass zu feiern – vor zehn Jahren vom musikprotokoll mitbegründet wurde.

Sowie: Das Streichquartett Quatuor Diotima präsentiert in einer Art kleinen "Residency" Konzerte an drei Tagen mit einer Vielzahl neuer und ganz neuer Werke. Das phace-Ensemble und Studio Dan spielen maßgeschneiderte Konzerte, das Aleph-Gitarrenquartett verbündet sich in einem einzigartigen und uns für uns erstmaligen gemeinsamen Auftritt mit Barry Guy und Maya Homburger. Dass die beiden Jazzkontrabassisten Barry Guy und Peter Herbert zum ersten Mal ein gemeinsames Duo-Set spielen, ist an sich schon eine Sensation.

Eine groß besetzte Eröffnung am ersten Abend mit Musik von Peter Jakober und eine veritable Oper in Zusammenarbeit mit der KUG am letzten Abend lassen das musikprotokoll mit weiteren Uraufführungen beginnen und enden. Aber das ist noch nicht die ganze Wahrheit bezüglich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des künstlerischen Arbeitens beim musikprotokoll 2017.

Der Umgang mit der eigenen Vergangenheit

Das musikprotokoll im steirischen herbst ist ja eingebunden ins Umfeld seiner zeitgenössischen Mitspieler. Und der sich auf einen Song von David Bowie beziehende Titel samt Untertitel des Vorhabens des steirischen herbst 2017 macht klar, dass hier mögliche Schlüsse aus dem Umgang mit der eigenen Vergangenheit für eine gemeinsame Zukunft Thema sind: "Where are we now? – Rückblicke, Ahnungen und Aufbrüche ins Unbekannte".

Einer Vision, oder noch wagemutiger formuliert einer Utopie, ist, wenn sie sich als solches ernstnimmt, die Nichtrealisierbarkeit quasi per definitionem eingeschrieben. Dieser Feststellung steht allerdings bemerkenswerterweise entgegen, dass es dennoch gar nicht wenige visionäre Utopien gibt, die ihren Weg – mehr oder weniger früher oder später – in eine sinnlich wahrnehmbare Wirklichkeit gefunden haben.

Zwischen Utopie und Realisierung

In genau dieser Twilightzone zwischen Utopie und Realisierung bewegt sich ein musikprotokoll- Projekt, das in Zusammenarbeit mit dem Austrian Cultural Forum New York entsteht: 15 österreichische Musikschaffende gestalten eine Hommage an Musikerpersönlichkeiten, die eng mit der Stadt New York verbunden sind.

Olga Neuwirth zu Patti Smith, Andrea Sodomka zu Yoko Ono, Bernd Klug zu Maryanne Amacher, Patrick Pulsinger zu Philip Glass, Peter Ablinger zu Morton Feldman und so weiter und so fort.

Noch einmal Utopie und Realisierung: Tönend sich bewegende Skulpturen wie Cerhas Spiegel und Ligetis Lux aeterna – spätestens in den frühen 1960er Jahren konzipiert und dann in den allerersten Jahren des musikprotokoll im steirischen herbst, also zwischen 1968 und 1973, aufgeführt – transformieren als permanent in kurviger, elliptischer, bauchiger Form sich wölbende Musik das Erbe der Moderne. Auf diese Anregungen reagieren einzelne Schichten und einzelne Werke im Programm des musikprotokoll.

The Sound of the Internet of Things

Aber nicht durch das Aufführen von Werken aus sich visionär verstanden habenden Vergangenheiten, sondern selbstverständlich durch zeitgenössische Transformationen und Reflexionen über ein mögliches Gestalten von Zukünftigem bezieht das musikprotokoll diesbezüglich Haltung. Schon im Eröffnungskonzert scheint Peter Jakober – "scheint", weil es ja nicht seine primäre Intention beim Komponieren ist – auf die kurvigen Schwarm-Vorgaben von Cerha und Ligeti zu antworten.

In einem neuen Stuck für drei Chore, vier Musiker und in Kooperation mit dem Schriftsteller Ferdinand Schmatz wachsen Sprache und Klang zu beweglichen Gebilden zusammen. Ein neues musikprotokoll-Projekt kann sich sogar jubilarisch auf die Transformation eigener, visionärer Vorgeschichte beziehen: Es ist dreißig Jahre her, dass Josef Klammer und Seppo Grundler mit dem Projekt "Razionalnik" Midi-Modem-Simultankonzertgeschichte geschrieben haben. Und vor genau 20 Jahren ist das Klammer&Grundler Duo wieder mit einem kollektiven Simultankonzert beim musikprotokoll in Erscheinung getreten. Jetzt arbeiten sie gemeinsam mit Stephan Doepner an einem neuen Konzept mit dem Titel "The Sound of the Internet of Things" für das heurige musikprotokoll.

Stehlen in der Vergangenheit, für die Zukunft

Das Motto des steirischen herbstes - "Rückblicke, Ahnungen & Aufbruche ins Unbekannte" - inspiriert das musikprotokoll im Jubiläumsjahr, aber das musikprotokoll lasst die orchestrale Tanzmusik und unsere Feierlaune titeltechnisch und projektbezogen ein wenig übermütiger und verspielter sein: Diebe, Träumer, Tanzer.

Wir Diebe nutzen die Vergangenheit für die Zukunft, wir Träumer glauben an das Zukünftige im Gegenwärtigen, wir Tanzer schwingen das Tanzbein der Vergangenheit für die Gegenwart. Diebe, Träumer, Tanzer - oder: Wir stehlen mit Vergnügen in der Vergangenheit für unsere Zukunft.

Gestaltung

  • Christian Scheib

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