Violistin

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Neue Musik einst und jetzt

Bei seinem zweiten Konzert im Rahmen der Salzburger Festspiele musiziert das RSO Wien unter Chefdirigent Cornelius Meister Claude Viviers "Siddhartha", das Vorspiel und "Isoldes Liebestod" aus Richard Wagners "Tristan und Isolde", Giacinto Scelsis "Hymnos" und "Tod und Verklärung" von Richard Strauss. Ö1 sendet einen Mitschnitt am 18. August um 19.30 Uhr.

Mit "Tristan und Isolde" schuf Richard Wagner ein Musiktheater, dessen Intensität ihm selbst nicht geheuer war. "Dieser Tristan wird was Furchtbares ", schrieb er an Mathilde Wesendonck. "Ich fürchte, die Oper wird verboten - falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird. Nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen."

Spannung gebiert Spannung

Schwer zu entscheiden, was sein Publikum so außer Fassung brachte. Die Musik? Ihre Keimzelle, der legendäre "Tristan"-Akkord (eigentlich ein Thema mit dissonantem Akkord im Zentrum), ist auf Unendlichkeit ausgelegt; Spannung löst sich nicht in Entspannung auf, sondern gebiert immer wieder neue Spannung und bricht so mit dem traditionellen Muster musikalischer Rhetorik.

Die Gesangsmelodien orientieren sich nicht an dem klassischen Aufbau (dem noch der "Lohengrin" verhaftet war), sondern am natürlichen Redefluss. Das 1857 bis 1859 komponierte Werk war Neue Musik, so neu, dass noch 50 Jahre später Arnold Schönberg getadelt wurde, seine "Verklärte Nacht" klinge, als ob einer über die noch nasse "Tristan"-Partitur gewischt hätte.

Oder sollte sich die Verstörung am Libretto entzünden? Wagner hatte den Text, wie bei all seinen Werken, selbst geschrieben. Ausgehend vom mittelalterlichen Versroman "Tristan", reicherte er den Stoff durch Motive aus Novalis’ "Hymnen an die Nacht" sowie durch Gedanken aus der Philosophie Arthur Schopenhauers an, der wiederum auf eine essenzielle buddhistische Idee zurückgriff: Im Moment des Todes verlischt der Mensch zur Gänze. Als Opernstoff zu Wagners Zeiten fürwahr ein verstörender Gedanke.

Acht Ensembles im Gespräch

Cornelius Meister und das RSO Wien spielen das Vorspiel und "Isoldes Liebestod" aus Wagners "Tristan und Isolde" in einem der programmatisch ambitioniertesten Konzerte der heurigen Salzburger Festspiele. Meister kombiniert hier Wagner mit "Siddhartha" aus der Feder des Kanadiers Claude Vivier. Das halbstündige Orchesterwerk hat ebenfalls buddhistische Wurzeln und überrascht mit einer ungewöhnlichen Aufstellung auf der Bühne: Acht Ensembles weben eine Klangwelt, die ebenso frappierend neu ist, wie es Wagners "Tristan" für seine Zeitgenoss/innen war.

Auch "Tod und Verklärung" von Richard Strauss kann man als Kommentar zum "Tristan" hören. Komplettiert wird das Festspielprogramm durch "Hymnos" von Giacinto Scelsi. Die Musik des Adeligen irritierte das Publikum in den 1990er Jahren mindestens ebenso wie Wagner ein Jahrhundert zuvor, denn Scelsi improvisierte seine Werke auf Spezialinstrumenten und überließ die Notation bezahlten "Schreiberlingen". Darüber rümpfte mancher Tonsetzer die Nase, aber die Intensität, die aus Scelsis Improvisationen entsprang, blieb in den Werken erhalten. Eine Reise ins Innere - wie das ganze Konzert.

Text: Christoph Becher, Intendant des RSO Wien

Übersicht