Transgender-Person in Indien

AP/MAHESH KUMAR

Lange erwartet - Arundhati Roys neuer Roman

1997 brachte die indische Schriftstellerin Arundhati Roy ihren Debütroman "Der Gott der kleinen Dinge" heraus, der noch im selben Jahr den Booker-Preis gewann und zum Welterfolg wurde. Jetzt, zwanzig Jahre später, kommt Arundhati Roys neuer Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks" heraus.

Mittagsjournal, 9.8.2017

Wolfgang Popp

Ausgestoßene im Haus der Träume

Anjum ist als Hermaphrodit zur Welt gekommen und hat sich später die männlichen Geschlechtsmerkmale entfernen lassen. Jetzt lebt sie mit anderen Hijras, in Indien die Bezeichnung für Menschen eines dritten Geschlechts, in einer Gemeinschaft zusammen, dem Haus der Träume, das ein Treffpunkt für skurrile Gestalten ist.

Arundhati Roy: "Ich wollte ein Buch schreiben, als könnte ich an keinem Menschen und sei er noch so unbedeutend einfach vorbeigehen. Ich wollte mich zu jedem hinsetzen, eine Zigarette mit ihm rauchen und mit ihm plaudern. Das war der Ansatz, mit dem ich experimentieren wollte."

Gewalt ohne Einhalt

Aus der Perspektive ihrer Underdogs beschreibt Arundhati Roy die Auswirkungen von 9/11. Die Intervention der U.S. – Streitkräfte in Afghanistan, wie plötzlich afghanische Flüchtlinge die Straßen Delhis bevölkerten und wie die antimuslimische Stimmung den Hindu-Nationalisten zuspielte.

Seit Jahren engagiert sich Arundhati Roy gegen die rechtskonservative, hindu-nationalistische BJP, die derzeit mit Narendra Modi den Ministerpräsidenten stellt. Und die auf der Ideologie, der 1925 gegründeten radikal-hinduistischen Kaderorganisation RSS fußt. Arundhati Roy: "Die derzeitige Situation ist das Ergebnis eines fast hundertjährigen Strebens, Indien zu einer Hindunation zu machen. Und jetzt haben diese Leute zum ersten Mal in ihrer Geschichte diese überwältigende Mehrheit im Parlament und das hat die Gewalt auf furchterregende Weise ausufern lassen. Hindus ziehen Muslime auf der Straße einfach an ihren Bärten, zwingen sie Hindupropaganda zu schreien und lynchen sie."

Ein Roman wie eine ganze Stadt

Zehn Jahre lang hat Arundhati Roy an ihrem neuen Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks" geschrieben, während sie seit dem Erscheinen ihres Welterfolgs "Der Gott der kleinen Dinge" fast ein Dutzend Essays veröffentlicht hat. Ein ganz anderes Schreiben sei das, meint sie, denn der Unterschied zwischen Essay und Roman sei der zwischen Dringlichkeit und Ewigkeit. Oder, so könnte man hinzufügen, wie der zwischen einem roten Faden und einem ganzen Teppich.

Arundhati Roy

Arundhati Roy

APA/ANSA/GIORGIO ONORATI

Arundhati Roy: "Ich könnte einen Roman nie geradlinig von Anfang bis Schluss herunterschreiben. Weil ein Buch für mich mehr wie ein Gebäude ist oder überhaupt wie eine ganze Stadt, durch die ich fahre, deren Häuser und Zimmer ich betrete und durch deren Fenster ich hinaus- oder hineinschaue."

Es ist ein farbenfrohes und auch humorvolles Gewimmel, das in Arundhati Roys neuem Roman "Das Ministerium des äußersten Glücks" herrscht. Ein Gewimmel, in dem kleine Leute auf große Ideen treffen. Und Arundhati Roy sitzt mittendrin als Göttin des kleinen Gelächters, mit dem sie die falschen Ideologien aushöhlt und zu Staub zerfallen lässt.

Service

Arundhati Roy, "Das Ministerium des äußersten Glücks", S. Fischer Verlag

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