Packeis

AFP, TORSTEN BLACKWOOD

Auf Klangreisen mit Jana Winderen

Mit viel Forschergeist und schier grenzenloser Leidenschaft setzt sich Jana Winderen seit bereits vielen Jahren für die Meereslebewesen ein, - in ihren Konzerten, Veröffentlichungen und oftmals großformatigen Klanginstallationen.

Eine davon kann man derzeit in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary im Wiener Augarten erleben, auch kurz TBA21 genannt. Sie nennt sich "bara" - Welle - und ist für die Ausstellung "Tidalectics" entstanden. Einmal täglich wogt sie durch den Ausstellungsraum, dem Rhythmus der Gezeiten folgend, so wie man sie an Wiens nächst gelegener Küste, am Strand von Triest beobachten kann.

Die Werke für "Tidalectics" sind im Rahmen der TBA21-Academy entstanden, das ist ein Ort kultureller Produktion und interdisziplinärer Forschung, der von der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary initiiert wurde und sogar über ein eigenes Forschungsschiff verfügt, das den Namen Dardanella trägt. In den vergangenen Jahren luden Francesca Habsburg und Markus Reymann, die die Academy gegründet haben, ausgewählte Kunstschaffende und Wissenschaftstreibende zu Forschungsreisen, - von Island bis nach Papua-Neuguinea, von Nordamerika bis in die Karibik. Jana Winderen war bei einigen dieser Expeditionen dabei und hatte so nach bereits zahlreichen eigenen Forschungsreisen vorwiegend im Hohen Norden die Möglichkeit die Korallenriffe und Unterwasserwelten im Süden zu erkunden.

Der Ozean verbindet alles

"Der Ozean verbindet alles auf unserem Planeten und alles beeinflusst sich gegenseitig", so die Künstlerin. "Viele Tierarten und Pflanzen dringen immer weiter in den Norden vor, wegen der erhöhten Wassertemperatur. Die Makrelen schwimmen nun bis nach Island und vor der Küste Norwegens tauchen verschiedene Quallenarten auf. Auch im Ballastwasser der großen Schiffe reisen alle möglichen Meereslebewesen mit, die sich hier dann ansiedeln. Wir Menschen sollten eingehender nachdenken, bevor wir handeln. Wir sollten mehr Zeit dafür verwenden uns zu fragen, was wir mit unserem Handeln auslösen. Der Mensch scheint einfach nicht zu lernen, er hört nicht zu und so machen wir immer wieder die gleichen Fehler. Es wirkt beinahe so als wäre unser Leben zu kurz, um weise genug zu werden."

Insgesamt fünf Mal war Jana Winderen mit der Dardanella unterwegs, um an den Küsten vor Island, Belize, Panama und Bosten und auf der Silver Bank in der Dominikanischen Republik Halt zu machen. Die meiste Zeit hätte sie sitzend und lauschend in dem kleinen Beiboot verbracht, erzählt sie, nachdem sie ihre Hydrophone - ihre Unterwasser-Mikrophone - ins Meer gehängt hatte. Einige der dabei entstandenen Aufnahmen hat sie uns für diesen Zeit-Ton zur Verfügung gestellt.

An der Packeisgrenze

"Silencing the Reefs" hat Winderen den Werkkomplex genannt, der sich rund um das drohende Verstummen der Korallenriffe rankt. Eine andere Werkreihe trägt den norwegischen Titel "Iskanten", ins Deutsche übersetzt: Packeisgrenze. Darunter dürfe man sich jetzt aber keine Linie vorstellen, die Packeisgrenze bezeichnet viel mehr eine sich immer weiter in den Norden verlagernde Zone. Und die Künstlerin erinnert sich an einen besonders einprägsamen Moment an Deck eines Forschungsschiffes in der Barentssee.

"Du siehst wie das von den Eisschollen zurückgeworfene Licht strahlt und daneben, - das tiefschwarze Meer, das alles Licht und die Hitze der Sonne absorbiert", schildert sie. "Dieser Kontrast war visuell so eindrücklich! Du kannst das Problem förmlich sehen! Wenn es kein Packeis mehr gibt, das das Licht und seine Energie zurückwerfen kann, dann wird sich alles noch mehr aufheizen. Ohne Packeis wird die tiefschwarze Meeresoberfläche all diese Energie schlucken. Das so ganz direkt zu sehen war ganz schön beängstigend."

Jenseits der menschlichen Hörschwelle

Jana Winderen widmete ihre künstlerische Arbeit bisher vor allem den Meereslebewesen, - aber auch anderen Tieren. Für ihr Stück "Out of Range" nahm sie neben Delphinen und anderen Zahnwalen etwa auch Vögel, Insekten und Fledermäuse auf, die zur räumlichen Orientierung ebenfalls die Echoortung benutzen. Die dabei produzierten Laute sind für die Menschen nicht hörbar, denn sie befinden sich im Bereich des Ultraschalls, also jenseits der menschlichen Hörschwelle. Winderen hat sie zeitlich gedehnt und in den hörbaren Bereich transportiert. Aus zahlreichen Aufnahmen, die unter anderem im Central Park in New York, im Londoner Regents Park oder in einem Wald bei Kaliningrad entstanden, hat sie schließlich das 40minütige Stück geformt, im Auftrag von Deutschlandradio Kultur für die Sendereihe "Klangkunst". 2014 ist "Out of Range" bei Touch als Digitaler Download erschienen.

"Ich versuche die Aufmerksamkeit auch auf die kleinen Lebewesen zu lenken, die direkt um uns herum sind", schildert Winderen. "Wie wenig wir bereit sind zu lernen, das schockiert mich immer wieder. Die Vögel in unseren Hintergärten, die Insekten, die Mäuse, die Ratten, die Fledermäuse, das sind unsere nächsten Nachbarn, die sich dazu entschieden haben, mit uns zu leben und wir kennen sie nicht einmal ein bisschen!"

Gestaltung