The Tiger Lillies

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Tiger Lillies im Porgy & Bess

Ein Institution in Sachen britischer Skurrilität gibt sich heute Abend im Wiener Jazzclub Porgy & Bess die Ehre. Die Band Tiger Lillies rund um Sänger Martyn Jacques perfektioniert seit mittlerweile fast dreißig Jahren ihren schrägen Musik-Cocktail aus düsterer Theatralik, Clownmasken und furioser Spiellaune. Vaudeville-Punk könnte man diese Stilrichtung nennen.

37 Studioalben hat die umtriebige Band schon aufgenommen, das bislang letzte, "A Cold Night In Soho", erschien erst Anfang dieses Jahres. Doch die Band pflegt auch Ausflüge ins Theater oder auf Musicalbühnen, sie untermalt Shakespeares Hamlet ebenso wie Büchners Woyzeck oder den Struwwelpeter.

Sie sehen aus wie eine Bande Clowns mit zweifelhaften Absichten und verströmen dabei die schummrige Atmosphäre eines verlassenen Zirkuszeltes im Morgengrauen. Weiß geschminktes Gesicht, tiefschwarze Augenringe Größe XL, der Mund in bester Joker-Manier quer über die Wange verlängert. Tiger-Lillies-Sänger Martyn Jacques macht schon auf den ersten Blick deutlich, dass es in seinen Liedern um die Erkundung der Schattenseiten der menschlichen Existenz geht.

End of summer! Time to tune home made ukulele for upcoming gigs! #vienna #nanterre #angouleme

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Vom Tellerwäscher zum traurigen Barden

Jacques kennt das Leben auf den unteren Sprossen der Erfolgsleiter nur zu gut. "Vor den Tiger Lillies habe ich als Tellerwäscher gearbeitet. Ich habe keine formale Ausbildung", erzählt Songwriter und Sänger Martyn Jacques. Ihm bleibe also gar nichts anderes übrig, als auf der Bühne seine düsteren Moritaten aufzutischen. Unter der Schminke lauert ein gefühlvoller Geschichtenerzähler. Einer, der sich für die ausgefransten Ränder der Gesellschaft mehr interessiert als für deren auf Hochglanz poliertes Zentrum. Brechts Dreigroschenoper habe ihn geprägt, meint Jacques. Politisch würde er am linken Rand stehen.

Im schummrigen Soho

Wie Brechts Dreigroschenoper spielt auch das neue Album der Tiger Lillies in Londons ehemaligem Schmuddel-Bezirk Soho. Jacques hat selbst ein Jahrzehnt dort gelebt - bevor hippe Boutiquen und Fair Trade Bio Cafes das Straßenbild prägten. Mit Nostalgie habe seine Zeitreise aber nichts zu tun.

"Die Menschen verspüren diese Nostalgie. Ich glaube aber, dass sich alles ständig ändert. Das gilt nicht nur für London, auch in Wien kann ich das beobachten. Die guten alten Tage - das ist doch nur ein Mythos."

Vaudeville-Punk

Seine theatralische Gossen-Poesie reichert Jacques lieber mit Punk als mit Pathos an. Dessen Wille, sich selbst zu helfen - seine Do-it-yourself Philosophie - hält der Sänger für einen noblen Impuls. Die Tiger Lillies sind jedenfalls Music Hall-Punks mit enormer Produktivität. Alben mache er wann immer ihm gerade danach sei, meint Jacques, der es genießt, sich keinem Chef unterordnen zu müssen. "Die Musikindustrie ist so etwas wie 'der Feind' – die interessieren sich doch nicht für Kunst oder interessante Projekte. Die wollen doch nur Geld verdienen."

Der Anti-Brexit-Soundtrack

Englische Punk-Dandies mit sozialem Gewissen, einem Hang zu deutscher Schwermut und einem Faible für die Eleganz französischer Chansons - klingt wie ein unheilvolles Musik-Experiment. Funktioniert aber seit beinahe 30 Jahren. Während London also mit dem Brexit hadert, erzählen die Tiger Lillies - ganz nebenbei - eine zutiefst europäische Geschichte.

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