Christian Kern, Sebastian Kurz und HC Strache

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Die "Alpenmafia" punktet im TV-Duell-Rennen

Fünf Bundesländerzeitungen mit der Tageszeitung "Die Presse" haben im Rennen um die attraktivsten Wahlkonfrontationen einen Haupttreffer gezogen. Mitte September haben sie in Linz eine Dreierrunde der Kandidaten mit Kanzleranspruch ausgerichtet. Christian Kern von der SPÖ, Sebastian Kurz von der ÖVP und Heinz-Christian Strache von der FPÖ haben miteinander diskutiert. Das Medieninteresse war enorm, ORF III hat das Ereignis im Hauptabend gesendet und einen Reichweitenrekord erzielt. Dahinter stecken über Jahre gewachsene Allianzen.

In fast jedem Bundesland gibt es eine starke Landeszeitung: "Vorarlberger Nachrichten", "Tiroler Tageszeitung", "Salzburger Nachrichten", "Oberösterreichische Nachrichten". Die "Kleine Zeitung" versorgt die Steiermark und Kärnten, nur Niederösterreich und Burgenland haben keine eigene Tageszeitung. Die Bundesländerzeitungen haben schon vor einigen Jahren beschlossen, eine Allianz zu bilden. Mit dabei ist die Wiener Tageszeitung "Die Presse", die sich laut Chefredakteur Rainer Nowak als Hauptstadt-Brückenkopf der Landes-Zeitungen sieht.

ÖVP-Chef Sebastian Kurz, Bundeskanzler und SPÖ-Chef Christian Kern und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache

ÖVP-Chef Sebastian Kurz, Bundeskanzler und SPÖ-Chef Christian Kern und FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache.

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Bürgerliche Allianz gegen roten Boulevard?

Die Philosophie dahinter erklärt Nowak so: "Ursprünglich war die Idee dieser Gruppe, die ironisch auch Alpenmafia genannt wird, der Auflagenmacht der "Kronen Zeitung" etwas entgegen zu halten und Politikern in Wien zu signalisieren: Es gibt da nicht nur diese eine bundesweite Zeitung, sondern es gibt sehr viele Regionalzeitungen, die insgesamt zusammen auf eine größere Auflage kommen." Die Alpenmafia gegen den Wiener Boulevard. Da fällt dem gelernten Österreicher natürlich sofort das Stichwort Proporz ein. Tageszeitungen aus seit Jahrzehnten bürgerlich dominierten Ländern schließen sich mit der bürgerlich-konservativen Tageszeitung "Die Presse" gegen den vom Roten Wien mit Inseraten gefütterten Boulevard zusammen.

"Presse"-Chefredakteuer Rainer Nowak im Interview mit Stefan Kappacher

"Nur Reichweiten-Steigerung und Synergien"

Dieses Gedankenspiel weist Rainer Nowak freilich strikt zurück. Der einzige Hintergrund seien Reichweitenüberlegungen und Synergien: "Die Idee, dass wir für unsere Web-Auftritte gemeinsam Bewegtbild, also Fernsehen machen, die ist schon älter. Wir haben bei Nationalrats- und Bundespräsidenten-Wahlen schon gemeinsam gestreamt." Und diesmal sei man eben auf die Idee einer Dreierkonfrontation der Spitzen der größten Parteien gekommen, so Nowak. "Die Kandidaten haben zugesagt, wir waren sehr froh, dass wir die Ersten mit dieser Konstellation waren und so eine gute Quote hatten."

Top-Quote im quoten-scheuen ORF III

Gute Quote, das war ein Einzel-Reichweitenrekord auf ORF III – ein Sender, der die Quoten seiner Sendungen ganz bewusst nicht publiziert. Senderchef Peter Schöber: "Das freut uns, es ist für uns aber ein singulärer Wert. Wichtiger ist, dass die Leute bei uns das Informationsangebot suchen und dass wir rund um die Nationalratswahl ergänzend zu ORF2 und in Kooperation mit Ö1 eine Vielzahl von Formaten haben." Schöber nennt den Ö1-Klartext mit Klaus Webhofer, die Wochenanalyse, die Runde der Chefredakteure. Das funktioniere alles sehr gut.

Rainer Nowak

Rainer Nowak

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Sammel-Interviews als Köder für Medienscheue

Hier also ein öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, der ohne Quotendruck am Ausbau seines Informationsangebots feilt, dort Zeitungen als Partner, die über eine Reichweiten-Allianz Image und bundesweite Relevanz steigern wollen. Die Bundesländerzeitungen haben zum Beispiel auch gemeinsame Interviews etabliert. Vom Bundespräsidenten bis zum Red-Bull-Boss haben über die Jahre schon einige zugelangt. Für die Interviewten ist das praktisch und bequem. Ein Termin mit sechs Zeitungen, dafür sechsfache Verbreitung. Die Vielfalt wird dadurch nicht unbedingt gefördert.

"Medienvielfalt gefördert, nicht gefährdet"

"Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak sieht das anders: "Im Gegenteil, wir zeigen auch demokratiepolitisch gemeinsam auf und halten der Marktdominanz der Boulevardzeitungen etwas entgegen. Ich halte es gerade für einen massiven Beitrag zur Stärkung der Mediendemokratie, weil wir etwas tun." Es sei ja nicht so, dass man rund um die Uhr zusammenarbeite, sagt Nowak. Und es gebe auch keine gemeinsame Redaktion, die alle Titel befüllt wie bei manchen deutschen Regionalzeitungen. Das sei auch nicht geplant, das wolle niemand.

ORF III-Geschäftsführer Peter Schöber im Interview mit Stefan Kappacher

Fernsehen und Zeitungen vertragen sich

Nowak und andere Zeitungsleute sind auch immer wieder in ORF-Sendungen zu Gast, als Diskutanten und als Fragensteller etwa in der Pressestunde. Auf ORF III gibt es sogar eine fix etablierte Runde der Chefredakteure, über die ORF-III-Chef Peter Schöber sagt: "Das wird vom Publikum sehr gut angenommen, diese Zusammenarbeit macht für uns wirklich Sinn. Wir sind ja in dem Sinn auch keine Konkurrenten mit den Printmedien. Wäre das ein Privatsender, dann müsste man das sicher anders beurteilen."

Fernsehen und Fernsehen matchen sich

Der Nachsatz des ORF-III-Chefs enthält Zündstoff: Der ORF hat zwar mit den Zeitungen schon viele Sträuße ausgefochten, die Kooperationen tragen aber viel zu einer mehr oder weniger friedlichen Koexistenz bei. Mit den Privatsendern ist das anders. Ob Kronehit gegen Ö3 oder puls4-ATV gegen das ORF-Fernsehen - da prallen direkte Konkurrenten aufeinander. Sehr anschaulich wird das in der laufenden Wahlberichterstattung, wo die Privaten gerade alles aufbieten. Und sie stilisieren mit entsprechender Begleitmusik die Kandidaten-Konfrontationen zu einem Kräftemessen mit dem ORF hoch. Hier wird also über das Programm auch ein bisschen Medienpolitik gemacht.

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