ORF Radio-Symphonieorchester Wien

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Seejungfrau und Revolutionsführer

Cornelius Meister und das RSO Wien eröffnen die Wiener Konzertsaison 2017/18: am 14. Oktober im Musikverein mit Zemlinskys Meisterwerk "Die Seejungfrau" (Ö1 am 17.10., 19:30 Uhr) und am 19. Oktober im Wiener Konzerthaus mit Schostakowitschs 12. Symphonie (Ö1 am 24.10., 19:30 Uhr).

Im Märchen bevölkern fantastische Wesen das Unbezähmbare und machen es so ein wenig verstehbarer. Die Seejungfrau - ob Undine, Melusine oder Arielle - zählt zu den Beliebtesten, nicht nur als Männerfantasie, sondern auch, weil sie in die Menschenwelt eintreten will. Dass Menschen und Fabelwesen nicht einmal die mächtige Liebe verbinden kann, gehört zur bitteren Moral der Sage, die Friedrich de la Motte Fouqué 1811 zu einem Schlüsseltext des romantischen Märchens veredelte, während der dänische Dichter Hans Christian Andersen ein Vierteljahrhundert später eine populärere Form veröffentlichte.

Zemlinskys 1905 komponiertes Meisterwerk

Der Wiener Komponist Alexander Zemlinsky wiederum nahm Andersens "Seejungfrau" als Grundlage für ein dreisätziges Orchesterwerk, das er mitten im Fin de Siècle mit einer überhitzten Vorliebe für alles Fließende - sei es Wasser, seien es die langen Haare junger Frauen - niederschrieb und mit dem er sich am 25. Jänner 1905 in einen Uraufführungswettstreit mit Schönbergs "Pelléas und Mélisande" begab. Mag sich die Musikgeschichte in der Folge auch eher um den jüngeren der beiden Freunde gedreht haben - Zemlinskys "Seejungfrau" ist ein Meisterwerk von großer Schönheit. Es enthält Liebessehnen, Meeressturm und finsteren Zauber, es ist freie Tondichtung in symphonisch geordneter Syntax, es vereint Brahms und Wagner. Keine Kleinigkeit im Wien des Jahres 1905.

Schostakowitschs "Zwölfte" im Konzerthaus

Mit Zemlinskys "Seejungfrau" eröffnen das ORF Radio-Symphonieorchester Wien und Chefdirigent Cornelius Meister die Konzertsaison 2017/18 im Wiener Musikverein, dem Uraufführungsort der Tondichtung. Aber auch im Konzerthaus steht zum Saisonstart ein starkes symphonisches Statement auf dem Programm: Dmitri Schostakowitschs Zwölfte, komponiert 1961. Sie trägt die Überschrift "Das Jahr 1917", also das Jahr der russischen Oktoberrevolution, und ist dem Andenken Wladimir Iljitsch Lenins gewidmet.

Zwar formulierte Schostakowitsch derlei verbale Zusätze unter politischem Druck, während er gleichzeitig sein persönliches Widerstandsprogramm auf dem Notenblatt entwarf. Aber der Eigensinn des Komponisten ist unter der kraftvollen Oberfläche seiner zwölften Symphonie zumindest gut versteckt. Immerhin: Die vier Sätze des Werkes beleuchten Schlüsselszenen der sowjetischen Geschichte und lassen Lenin weitgehend außen vor. Ein vorwärtsdrängendes Werk mit großen lyrischen Ruhepolen, das sich den Menschen zuwendet, nicht den politischen Anführern.

Khatia Buniatishvili & Uraufführung von Lera Auerbach

Am Beginn der neuen Konzertsaison rücken zudem eine Pianistin und eine Komponistin in den Mittelpunkt: Zum einen kehrt Khatia Buniatishvili zurück. Mit der georgischen, in Wien ausgebildeten Pianistin gab das RSO Wien bei den Salzburger Festspielen 2016 ein umjubeltes Konzert in der Felsenreitschule. Die Begegnung fiel so herzlich aus, dass eine Fortsetzung beschlossen wurde.

Zum anderen steht die österreichische Erstaufführung eines Werks der russischen Komponistin Lera Auerbach auf dem Programm des Musikvereins: "NYx: Fractured Dreams". Seit die damals 18-Jährige 1991 von einer USA-Reise nicht mehr in ihre russische Heimat zurückgekehrt ist, lebt Lera Auerbach in New York; der Titel ihres vierten Violinkonzertes zitiert also nicht allein Nyx, die Göttin der Nacht, sondern, durch das große Ypsilon im Titel, auch die Wahlheimat der Komponistin.

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