Michael Haneke

EMMANUEL / AFP

Hanekes "Happy End" - Momentaufnahme

Wie im Elfenbeinturm, abgehoben und steif, agieren und kommunizieren die Mitglieder der großbürgerlichen Unternehmerfamilie in Michael Hanekes neuem Film "Happy End" aneinander vorbei. Die bourgeoise Blindheit für die Außenwelt seziert Haneke gewohnt präzise, aber leider etwas zu unterkühlt.

Ö1 Morgenjournal, 02 10 2017

Judith Hoffmann

Zwischen Kinokunst und Handybildschirm

In den ersten Minuten bleiben zwei Drittel der Leinwand schwarz - Michael Haneke lässt das Kinopublikum mittels hochformatigem Handyvideo in die Welt seiner Protagonisten eintauchen. Gedreht und kommentiert wird es von der 12jährigen Eve, die den Alltag ihrer Familie regelmäßig ausspioniert und dokumentiert, vom dunklen Geheimnis des Großvater über die Sorgen der verklemmten Tante Anne bis zu den außerehelichen Eskapaden ihres Vaters, der mit neuer Frau und Kleinkind ebenfalls im herrschaftlichen Stadtpalais residiert.

Haneke bedient sich in "Happy End" unterschiedlicher Medien und sozialer Netzwerke, um sein kleinteiliges Portrait einer großbürgerlichen Unternehmerfamilie auf die Leinwand zu bringen – vom Handyvideo bis zum Facebookchat. Wirklich eingebunden in die Handlung sind sie allerdings nicht, sondern wirken eher wie Fremdkörper neben den gewohnt akribischen Bildern von Kameramann Christian Berger.

Großbürgerliche Momentaufnahme in Starbesetzung

Es ist ein abgehobener Mikrokosmos, in dem die Familie Laurent an ausgeprägter Empathielosigkeit und Kommunikationsstörung laboriert. Weder die Flüchtlingskrise von Calais noch das Schicksal der Hausangestellten und Bauarbeiter kann zu ihr vordringen. Viel zu sehr ist der Clan mit dem eigenen langsamen Zerfallsprozess beschäftigt, den Haneke als außenstehender Beobachter in gewohnt langen Einstellungen festhält.

Der Regisseur setzt dabei einmal mehr auf ein großes Ensemble. Die 86jährige Schauspiellegende Jean-Luis Trintignant gibt auf herrausragende Weise den altersmüden Patriarchen, Isabelle Huppert überzeugt als fahrige, verklemmte Unternehmenschefin Anne Laurent. "Happy End" ist bereits Hupperts vierte Zusammenarbeit mit Haneke, an dem sie vor allem die präzise Bildsprache schätze, ausgehend von der sie als Schauspielerin völlige Freiheit verspüre, so die Schauspielerin.

Präzise, aber spannungslos

Mit dieser für ihn typischen Präzision und gekonnt detailliert seziert Haneke in Wort und Bild seine Protagonisten, lässt dabei aber ein wenig den Blick aufs große Ganze vermissen. Die zahlreichen Handlungsstränge sind oft nur angerissen, aber nicht auserzählt, viele wortkarge Dialoge geben lediglich Indizien für eine größere Geschichte, der allerdings bisweilen die innere Spannung abhandenkommt.

Zweiter Oscar statt dritter goldener Palme?

Im Mai präsentierte Michael Haneke seinen neuen Spielfilm "Happy End" im Wettbewerb von Cannes der Weltöffentlichkeit, die von manchen erwartete dritte Goldene Palme brachte er ihm allerdings nicht ein.

2018 wird er als österreichischer Beitrag ins Rennen um den Auslandsoscar geschickt. Ob er die Jurymitglieder der Academy überzeugen wird, ist fraglich. Denn "Happy End" ist nicht Hanekes bester Streifen, und wohl auch deshalb in Cannes diesmal leer ausgegangen. Es ist dennoch ein denkwürdiger Film, der den Nerv der aktuellen westeuropäischen Gesellschaft zielsicher trifft.

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