Wahlstudio

APA/HERBERT NEUBAUER

Von Maria Taferl bis zum Overkill

Ein Wahlkampf ohne TV-Debatten ist heutzutage kaum vorstellbar. Wie es zu der enormen Flut an TV-Konfrontationen gekommen ist und wer den Wahlkampf auf dem Fernseh-Bildschirm geprägt hat, erklärt Politikberater Thomas Hofer im #doublecheck-Interview mit Stefan Kappacher.

Lange Zeit gab es sehr wenige, im aktuellen Wahlkampf sind es mehr als je zuvor. Bei insgesamt mehr als 30 TV-Konfrontationen treffen die Spitzenkandidaten in verschiedenen Konstellationen aufeinander. Das ist auch im internationalen Vergleich viel. In Deutschland etwa, wo im September gewählt wurde, trafen die Kanzlerkandidaten der zwei großen Parteien CDU und SPD nur ein einziges Mal aufeinander. Dass die österreichische Situation einzigartig ist, sagt auch Politikberater Thomas Hofer.

Neue Angriffslust

Denn seit 1994 diskutieren auch Oppositionspolitiker und Regierungsvertreter im ORF miteinander. Gleich zu Beginn dieser Duelle "auf Augenhöhe", die in den Regierungsparteien anfänglich für Unmut gesorgt hätten, kam es zu einer "stilbildenden Fernsehschlacht", erzählt Thomas Hofer: "Damals hat Jörg Haider seine berühmten Taferln erfunden." Damit habe er Franz Vranitzky und Erhard Busek in die Defensive gebracht und eine neuartige Form der politischen Kommunikation geprägt. Bis dahin waren Angriffe in medialen Auseinandersetzungen kaum präsent. "Das war schon eine ganz andere Form, mit der die damals Regierenden nicht umzugehen wussten." Die "aggressivere, offensivere Form" der Debatten war geboren.

Thomas Hofer im Interview mit Stefan Kappacher, Teil 1

"Ausflug nach Maria-Taferl"

Der Überraschungseffekt, den Haider dank der Taferln in den ersten TV-Konfrontationen noch auf seiner Seite hatte, sollte aber bald verebben. Bereits im darauffolgenden Jahr waren seine Diskussionspartner besser vorbereitet. Dass Jörg Haider stets mit Taferln in die Fernsehstudios kam, wurde eher zum umgekehrten Running Gag. Sowohl Viktor Klima als auch Wolfgang Schüssel spielten bald selbst mit der Metapher des Taferls – wenn Haider die Veranschaulichungsbilder auspackte, hieß es dann etwa von Klima "Jetzt machen wir wieder einen Ausflug nach Maria Taferl." Auch Schüssel wusste bald zu kontern. Er kommentierte flapsig: "Jetzt ist Ihnen ein Taferl umgefallen."

Das Taferl als politisches Inventar

Haider hat den Diskussionsstil in diesen Duellen jedenfalls nachhaltig geprägt. "Er hat damals eine Art des Diskussionsstils eingebracht, die bis heute nachwirkt. Jörg Haider hat die Debattenformate eigentlich frühzeitig ins 21. Jahrhundert geschossen", sagt Thomas Hofer. Niemand habe diese Art der TV-Konfrontationen bis heute in Frage gestellt. "Das ist zum demokratiepolitischen und medienpolitischen Inventar geworden." Konkret erfunden hat die Duelle "Jeder gegen jeden" übrigens Johannes Kunz, der im Wahljahr 1994 Informationsintendant des ORF war.

Thomas Hofer im Interview, Teil 2

Mit einem Anruf von Busek fing alles an

Bis 1994 war es im ORF üblich, ein Duell der Kanzlerkandidaten und eine Elefantenrunde mit allen Spitzenkandidaten abzuhalten. Dann habe ihn der damalige ÖVP-Obmann und Vizekanzler Erhard Busek angerufen und gefragt, ob man nicht auch mit anderen Spitzenkandidaten Zweierkonfrontationen machen könnte, erzählt Johannes Kunz im #doublecheck-Interview. Er habe daraufhin angeboten, dass im Rahmen der ZIB2 jeder eine halbe Stunde gegen jeden antreten könne. Die Opposition habe das natürlich erfreut angenommen, und auch SPÖ-Chef Kanzler Franz Vranitzky habe dann – nach anfänglichen Protesten seines Umfelds – mitgemacht. Hintergrund war übrigens eine Wachablöse an der ORF-Spitze: Im Herbst 1994 übernahm Gerhard Zeiler das Ruder, Johannes Kunz hatte gegen ihn im Rennen um den Posten des ORF-Chefs den Kürzeren gezogen. Die Nationalratswahl 1994 verantwortete aber noch er als Informationschef. Und Kunz hat Fakten geschaffen, die bis heute nachwirken.

Das Duell hinter den Duellen

Heute finden TV-Duelle und Elefantenrunden nicht mehr nur im ORF, sondern auch bei den privaten Anbietern statt. Von Puls4, ATV, Servus TV bis zu oe24.TV – alle warten mit eigenen Polit-Formaten auf. Dahinter steckt auch ein medienpolitisches Wettrennen. "Selbstverständlich kann man als Privatsender damit nicht nur sein Image aufpolieren, sondern auch subkutan zeigen, dass man es gleich gut oder ähnlich gut wie der ORF kann", erklärt Thomas Hofer.

Absagen wird bestraft

Ob privat oder öffentlich-rechtlich, für Politiker sind jedenfalls alle TV-Termine Pflicht. "Da läuft man natürlich Gefahr, sobald man sich bei einem Duell, einem Dreikampf oder einer Elefantenrunde verweigert, dass das sofort auf einen zurückfällt." Der damalige Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) hat es probiert: Faymann wollte im Jahr 2008 nicht zu einer TV-Konfrontation von ATV. Er sagte aus Zeitgründen ab. Der Privatsender stellte prompt einen Hubschrauber bereit, der Faymann von einer Veranstaltung im Burgenland ins TV-Studio nach Linz hätte fliegen sollen. Im Interview mit dem Hubschrauber-Piloten wurde das dann ganz im Stile des Infotainments analysiert.

Fünf Parteien gemeinsam gegen ATV-Plan

Auch der Wiener Bürgermeister Michael Häupl hat sich schon einmal geziert, in mehrere TV-Konfrontationen zu gehen. Bei der Wiener Gemeinderatswahl 2015 kam es deshalb zu einer gemeinsamen Elefantenrunde von ORF und Puls4. In diese Richtung könnte es in Zukunft verstärkt gehen, meint Thomas Hofer. Denn: "Wenn es dann 50 TV-Debatten in der einen oder anderen Form sind, dann droht natürlich der Overkill. Irgendwann ist auch für die Kandidaten klarerweise eine Belastungsgrenze erreicht." Im laufenden Wahlkampf wurde übrigens auch einmal die Stopptaste gedrückt: ATV wollte im Rahmen der Elefantenrunde unmoderierte Zweier-Duelle abhalten. Das haben die Wahlkampfmanager der fünf Parlamentsparteien verweigert und auch mit einem gemeinsamen Mail kundgetan.

Thomas Hofer im Interview, Teil 3

TV-Debatten zentral in der letzten Phase

Immerhin verbringen die Spitzenkandidaten vor allem in der letzten Phase vor dem Wahltermin einen Großteil ihrer Zeit mit Vorbereitung auf Fernsehauftritte. Fehler können sie sich dort nicht leisten, so Hofer: "Denn wenn man da einen Fehler macht, dann setzt er sich fort und wird von allen anderen Medien berichtet, und dann geht das hoch in den sozialen Netzwerken."
Dass Politiker via Fernsehen viel mehr Menschen erreichen als auf jeder Wahlkampftour durch Österreich, ist also Chance und Gefahr zu gleich. "So viele Hände kann man im Akkord gar nicht schütteln, wie man mit einem Fernsehauftritt hinbekommt", sagt Thomas Hofer.

Gestaltung

  • Rosanna Atzara

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