Dhafer Youssefs Oud

AP/CHRISTOPHE ENA

Der Vokalkönig

Der tunesische Oud-Spieler Dhafer Youssef im Rahmen von "Nebenan: Tunesien" in den "Spielräumen" und im "Zeit-Ton extended"

Jedes Mal, wenn der junge tunesische Sänger und Oud-Spieler seine Stimme in lange, lange Bögen hinein erhoben hat, trug diese hinaus. Hinaus aus dem winzigen Wiener Jazzclub Porgy & Bess mit dem abgenutzten Plüsch in den nächtlichen Himmel über die nordafrikanische Wüste. Die Melismen, die kleinen Veränderungen der Tonhöhen, haben getragen. Das war in den 1990er Jahren. Dhafer Youssef, der seine Stimme heute in den Pariser Jazzclubs hören lässt, nimmt das Publikum immer gerne auf seine Reisen mit.

Wiener Arrangement auf CD

Zu hören sind Dhafer Youssefs Aufnahmen im Wiener Arrangement der 1990er Jahre heute noch auf seiner CD "Malak". Eine vielfältige Band wahrer Könner hat daran mitgewirkt: der vietnamesisch-französische Gitarrist Nguyen Le, die Bassisten Renaud Garcia-Fons und Achim Tang, Zoltán Lantos auf der Geige, Patrice Héral, Jatinder Takur und Carlo Rizzo an Drums und Percussion und Deepak Ram auf der indischen Flöte Bansuri. Sie waren Gäste und Teil einer sich ständig verändernden bunten Gruppe von Worldmusikern rund um den Wiener Naschmarkt - diejenigen, die mit Worldmusic den Jazz bereicherten. Der Akkordeonist Otto Lechner gehörte dazu, und der Saxofonist Wolfgang Puschnig.

Mit viel Spaß am Musikmachen abseits geordneter Konzertsäle konnte Dhafer Youssef mit ihnen auch in der Sauna der Wiener Sargfabrik aufnehmen. Im Tepidarium, dessen konische Wände erlaubten, dass Dhafer Youssefs am heimatlichen Muezzin geschulte Stimme so richtig zur Geltung kam. Youssef hat, wie Marwan Abado, die arabische Laute Oud in Wien zu einem Worldmusic-Instrument gemacht, mit einer kleinen Prise electronic music auch als Electric-Sufi. Die Stimme ist sein Hauptinstrument.

Der Musiker, der zwischendurch als freundlicher Kellner in der Pizzeria sein Knoblauchbrot verdient hat, erzählt gerne von den "beautiful oddities" der westöstlichen Musik und macht mit der Perspektive von außen klar, wie eigenartig das westliche Tonsystem ist, in dem weit auseinanderliegende Töne genau getroffen werden müssen.

Quer über die Kontinente

Mit seiner jüngsten CD hat Dhafer Youssef einen veritablen Diwan quer über die Kontinente aufgestellt: den "Diwan of Beauty and Odd". Produziert mit Jazzern in New York, als Vertonung eines syrischen Dichters des 7. Jahrhunderts, al-Akhtal. Eigentlich sollte es gar keiner Hervorhebung bedürfen; es sollte klar sein, dass es immer und überall Menschen, Dichter/innen, Musikerinnen und Musiker äußerst verschiedener Weltanschauungen und Religionen gegeben hat. Aber weil gerade jeder, der aus dem arabischen Raum kommt, als Islamist verunglimpft wird, hebt Youssef hervor, dass al-Akhtal lieber nicht Muslim werden wollte, weil er den Wein geliebt hat.

Dhafer Youssef

Dhafer Youssef im Studio

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Vom Muezzin in Tunesien hat Dhafer Youssef viel gelernt, das Publikum nimmt er gerne auf seine spirituellen Reisen mit, aber dogmatische Religion ist für ihn etwas anderes. Der "Diwan of Beauty and Odd" mit dem Pianisten Aaron Parks, dem Trompeter Ambrose Akinmusire, Mark Guiliana an den Drums und Ben Williams am Bass ist zugleich die CD geworden, die am stärksten den Jazz US-amerikanischen Zuschnitts aufgenommen hat.

In jüngster Zeit ist Dhafer Youssef wieder häufiger in Tunesien unterwegs, das lässt auf neue alte Wendungen seiner Musik neugierig werden. Ein Porträt Dhafer Youssefs gibt es am 5. November um 17.10 Uhr in den "Spielräumen Spezial" zu hören.

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